Immerhin ist Martin Kugler verurteilt worden. Warum ist der Fall Jasmin bis heute nicht abgeschlossen? Um den ganzen Komplex in allen seinen Verwicklungen zu verstehen, muss man zum Ausgangspunkt der Ermittlungen zurückkehren.

Im Jahr 1994 wurde in Leipzig der damalige Chefjurist der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft angeschossen. Die Täter bekamen dafür "lebenslänglich". Georg Wehling, der Leiter des Leipziger Kommissariats K26 gegen Organisierte Kriminalität, bemerkte, dass jedoch gegen die Hintermänner des Attentats nicht richtig ermittelt worden war. Er ließ die Täter im Gefängnis noch einmal befragen, und diese erzählten plötzlich, das Opfer, der Jurist, sei früher Kunde im Jasmin gewesen, was dieser bis heute bestreitet. Wehling gab seinen Beamten daraufhin die Anweisung, sich die alten Akten zum Fall Jasmin anzuschauen. Dabei stellten sie fest, dass niemals nach den Freiern gefragt worden war. Sie beschlossen, die Frauen noch einmal zu vernehmen. Das war im Jahr 2000.

Mandy Kopp traf sich mit zwei Polizisten in der Nähe von Leipzig an einem See, sie unterhielten sich im Auto. In ihre Heimatstadt traute sie sich damals nur mit Perücke und Sonnenbrille. Die Polizisten legten ihr Lichtbildmappen vor. Kopp sagt, sie habe schon damals "Ingo" auf einem Bild wiedererkannt. Die Polizisten bestreiten das. Zu diesen Fotomappen gibt es im Nachhinein viele Unklarheiten. Inzwischen haben die Polizisten eingeräumt, dass sie noch weitere Fotos, Zeitungsausschnitte, vorgelegt haben, die nicht offizielle Bestandteile der Mappen waren. Das ist ein Dienstvergehen, diese Ermittlungsergebnisse können auch nicht vor Gericht verwendet werden. Wer auf diesen Bildern identifiziert wird, gegen den kann nicht einfach ermittelt werden. Einer der Beamten mag nun auch nicht mehr ausschließen, dass ein Bild von dem Richter Jürgen Niemeyer dabei war. Die Polizisten wollen öffentlich heute dazu nichts mehr sagen. "Das Problem können nur noch die Mädels lösen", sagt einer aus ihrem Umfeld.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte damals auch gegen Jürgen Niemeyer wegen Strafvereitelung. Die Beamten hatten zuvor noch einmal Martin Kugler aufgesucht, und der behauptete, es habe im Jasmin-Prozess einen Deal zwischen seiner Anwältin und dem Gericht gegeben: milde Strafe, wenn Kugler keine "schmutzige Wäsche" wasche, also nicht zu den Freiern aussage. Diese Behauptung hat Kugler jedoch später widerrufen. Die Ermittlungen gegen den Richter Niemeyer wurden eingestellt. Die ermittelnden Beamten wurden versetzt, das Kommissariat K26 wurde durchsucht und später aufgelöst. Gegen Georg Wehling, den ehemaligen Leiter, wurden seitdem mehrere Verfahren eingeleitet. Er ist noch immer oder schon wieder vom Dienst beurlaubt. Dieser Fall hat die Karrieren der Polizisten zerstört.

Bis 2007 kehrte in der Öffentlichkeit Stille ein, dann gelangten die Akten des sächsischen Verfassungsschutzes zum "Sachsensumpf" an die Presse. Darin tauchten auch die Namen Niemeyer und Röger als mögliche Kunden des Kinderbordells auf. Wieder begann die Staatsanwaltschaft Dresden zu ermitteln, sie vernahm noch einmal alle Frauen, die damals im Jasmin zur Prostitution gezwungen worden waren. Die meisten von ihnen sagten gar nichts. Auch der ehemalige Zuhälter Martin Kugler wurde noch einmal befragt. Der lebte da schon längst wieder in Freiheit. Er soll eine Zeit lang in einer Leipziger Kneipe gearbeitet haben und nun auf dem Bau beschäftigt sein. Kopp hat 2010 versucht, ihn wegen Vergewaltigung vor Gericht zu bringen. Es hat nicht geklappt. Die Begründung: Jemand kann nicht zweimal wegen desselben Verbrechens angeklagt werden. Martin Kugler muss keine Strafe mehr fürchten.

Die Staatsanwälte werfen Mandy Kopp vor, als Zeugin gelogen zu haben

Mandy Kopp fühlte sich bei den Zeugenvernehmungen unter Druck gesetzt, ihrer Ansicht nach glichen sie eher einer Anklage. "Ich dachte, ich bin im falschen Film." Die Staatsanwälte hätten sich mehr für die Recherchen zweier Leipziger Journalisten zum Thema interessiert als für ihre Geschichte. Tatsächlich beginnen die Zeugenvernehmungen bei vielen Frauen mit Fragen nach den Reportern. Die Journalisten Arndt Ginzel und Thomas Datt wurden für ihre Berichterstattung im Spiegel und auf ZEIT ONLINE wegen Verleumdung und übler Nachrede angeklagt . Ihnen wurde unter anderem vorgeworfen, ehrverletzende Behauptungen gegenüber Niemeyer und Röger aufgestellt zu haben. In einem Fall verurteilte sie das Gericht zu einer Geldstrafe. Sie sind inzwischen in Berufung gegangen. Datt und Ginzel kennen jeden Aktenvermerk zum Jasmin-Komplex, aber sie können unter diesen Umständen nun nicht mehr unabhängig darüber berichten .

Die Staatsanwaltschaft hielt Mandy Kopps und Trixis Aussagen über Röger und Niemeyer für unglaubwürdig. Sie stellte 2008 das Verfahren gegen sie ein, beide bekamen Schmerzensgeld vom Freistaat Sachsen. Nun hätte Ruhe einkehren können.

Stattdessen werden die beiden Zeuginnen 2008 zu Beschuldigten. Die zuständigen Staatsanwälte wollen sich nicht zum Fall äußern. "Den Frauen wird vorgeworfen, in ihren Zeugenvernehmungen vorsätzlich falsche Angaben gemacht zu haben", sagt Lorenz Haase, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden. Sie könnten mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden.

Schon bald werden Mandy Kopp und Trixi vor Gericht den beiden Männern begegnen, die sie als ihre Freier identifiziert haben. Eine Begegnung, die viel Kraft kosten wird. Was sagen Norbert Röger und Jürgen Niemeyer zu dem Vorwurf, der zu den denkbar schärfsten gehört: Sex mit Minderjährigen? Norbert Röger, der Präsident des Landgerichts Chemnitz, will nicht reden. Für ihn sei diese Geschichte abgehakt, sagt er am Telefon.

Jürgen Niemeyer, den die beiden Frauen als "Ingo" erkannt haben wollen und der damals Martin Kugler verurteilt hat, ist zu einem Gespräch bereit. Er sieht sich als Opfer einer Kampagne. Niemeyer ist 72, hat kurze graue Haare und ist inzwischen im Ruhestand, arbeitet aber weiterhin als Anwalt in der Kanzlei seiner Lebensgefährtin in München. Ein schönes Büro, Parkettböden, antike Möbel, die Bücherregale reichen bis zur Decke. Auf dem Tisch in Niemeyers Zimmer türmen sich gelbe Aktenordner, "Rufmord" steht darauf. Er redet laut, eindringlich. Es fällt ihm schwer, die Fassung zu wahren.

Im Juni 1992 zog er von Stuttgart nach Leipzig, um beim Aufbau des Justizsystems im Osten zu helfen. Er kam allein, denn er hatte sich gerade von seiner Frau getrennt, und übernahm den Vorsitz einer Jugendkammer. Niemeyer sagt, er könne sich an die Verhandlung gegen den Bordellbetreiber Martin Kugler erinnern. Der Prozess sei allerdings nichts Besonderes gewesen. Eines Tages hätte sich Kuglers Verteidigerin an das Gericht gewandt mit der Frage, ob sie eine Absprache treffen könnten: Aussage gegen Strafnachlass. "Es ging zu wie auf einem Basar", gibt Niemeyer zu. Am Ende hätten sie sich auf vier Jahre geeinigt. Eine Absprache hat den Vorteil, dass der Richter kein langes Urteil schreiben, keine Revision befürchten, keine weiteren Zeugen vernehmen muss. Im Nachhinein sagt Niemeyer: "Das Urteil war ein großes Entgegenkommen, aber gerade noch vertretbar."