Zu Tode zitiert und immer wieder schön die Worte, mit denen Goethe seine Geburtsstunde bedenkt: "Am 28. August 1749 mittags mit dem Glockenschlage zwölf kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig." Noch heute strahlt das Elternhaus des Glückskinds am Großen Hirschgraben in der Frankfurter Innenstadt, nur wenige Schritte von der Hauptwache entfernt. In den geduckt vornehmen Räumen holt einen beinahe die Ehrfurcht ein. Holzdielen knarren vorwurfsvoll, Wärter kratzen sich den Kopf. Hier lärmende Schüler, dort die üblichen Japaner. Etwa 100.000 Besucher kommen Jahr für Jahr ins Haus, aber nur die wenigsten finden den Weg zur im Nebentrakt untergebrachten Gemäldesammlung mit Werken aus der Goethezeit – vom Spätbarock bis zum Biedermeier.

Auch das Goethe-Haus selbst schmücken zahllose Bilder, zumeist Porträts des Dichters und seiner Anverwandten. Die Familie Goethe war eine ausgesprochen kunstsinnige. Vater Johann Caspar sammelte Frankfurter Maler und richtete sich in der zweiten Etage seines Hauses ein entzückendes Gemäldekabinett ein. In Petersburger Hängung, einheitlich in schwarz-goldene Rahmen gefasst, drängt sich dort Bild an Bild.

Die Sammlung des Goethe-Museums, das 1897 eröffnet wurde, zählt heute rund 500 Werke und erweist sich als wahre Schatzkiste. So beherbergt es viele Werke des Schweizer Malers Johann Heinrich Füssli, darunter sein berühmtestes Bild Der Nachtmahr . Goethe schätzte Füssli in jungen Jahren für seine "Glut und seinen Ingrimm". Auf besagtem Gemälde lässt er eine exaltiert Schlafende von traumhaften Dämonen jagen, deren tiefenpsychologische Deutung noch bevorsteht. Auf diesem Bild wie auch auf seinen Gemälden mit Szenen aus Shakespeare-Dramen erweist sich Füssli als herausragender Geschichtenerzähler, der gekonnt mit der Theatralik des Augenblicks spielt.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Selbstverständlich begegnet man auch im Museum allenthalben Goethe. Das bekannteste Porträt gelang Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der ihn während seiner Italienreise divenhaft ausgestreckt in der römischen Landschaft malte. Im Goethe-Museum ist zwar bloß die originalgetreue Kopie von Karl Bennert zu besichtigen, das Original hängt aber nicht weit entfernt, im Frankfurter Städel. Dafür gönnt sich das Goethe-Museum einen anderen Tischbein: Die Stärke des Mannes – eine hinreißend chauvinistische Angeberei in Öl. Das Bild entstand zu jener Zeit, als Goethe bei Tischbein am Corso wohnte. Es zeigt zwei idealtypische Kerle, die sich die Erde untertan machen, und erzählt dabei viel über die damalige Zeit und die markige Beziehung der Männer zum eigenen Geschlecht.

Immer wieder trifft man während des Rundgangs auf alte Bekannte, darunter auch auf Goethes zahlreiche Frauengeschichten: Charlotte Buff, deren Halbherzigkeit er mit Die Leiden des jungen Werthers verdrängte, oder auch Marianne von Willemer, seiner Suleika aus dem West-östlichen Divan . En passant bietet das Museum auch einen Schnellkurs in der Kunst der Porträtmalerei. Beglückend die Troika von Gerhard von Kügelgen, der Goethe enorm staatstragend, Wieland grundgütig und den jungen Schiller revoluzzerhaft ins Bild setzt. Ganz anders der weibliche Blick von Angelika Kauffmann, der "zehnten Muse Roms", die den Porträtierten eine erhabene Weichheit in die Gesichtszüge zaubert, deren Magie sich mühelos auf den Betrachter überträgt.

Zwischen vornehmlich biografisch und zeitgeschichtlich interessanten Werken gibt es herausragende Gemälde zu entdecken, die, Goethe hin oder her, den Besuch des Museums unabdingbar machen. Das gilt auch für den kleinen, der Romantik gewidmeten Raum, in dem einen Caspar David Friedrichs Abendstern förmlich ansaugt: Letztes Tageslicht schliert auf dem Gemälde in den sich herabsenkenden Himmel und leuchtet einsamen Gestalten den Weg in die sagenhafte Unendlichkeit der nahenden Nacht: süßer Friede.

Jetzt auch als reich illustriertes Buch: Am 2. März erscheint der neue Band des ZEIT-Museumsführers: "Die schönsten Kunstsammlungen – noch mehr Entdeckungen", hg. von Hanno Rauterberg bei Edel