Es sind zuletzt nicht viele Politiker aus Brüssel oder gar Berlin in Griechenland gewesen, vielleicht ist das Protokoll auch deswegen ein wenig durcheinander. Umständlich erklärt eine Mitarbeiterin den Fotografen, die im griechischen Präsidentenpalast warten, dass der Präsident Papoulias seinen Gast zunächst in einem Salon auf der rechten Seite des Eingangs empfangen werde, um anschließend mit ihm nach links hinüber in sein Büro zu gehen.

Als Martin Schulz dann eintrifft und sich alle Augen nach rechts richten, sitzt Karolos Papoulias längst links, in seinem Büro. Nun ja, Büro? Papoulias empfängt seinen Gast in einem engen, holzgetäfelten, rundum mit alten Büchern zugestellten Zimmer, das eher an eine Studierstube erinnert als an eine Schaltzentrale der Macht.

Allerdings ist Macht in diesen Tagen in Athen ohnehin ein relativer Begriff. Ganz oben auf dem Schreibtisch des Staatspräsidenten liegt die aktuelle Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die verkündet auf der ersten Seite, es ist der Dienstag dieser Woche, die Zustimmung des Bundestags zum zweiten Hilfspaket für Griechenland. Karolos Papoulias hat als junger Mann noch gegen die deutsche Wehrmacht gekämpft und später in Köln Zuflucht vor der griechischen Militärdiktatur gefunden. Der 83-Jährige begrüßt seinen Gast auf Deutsch. Und erklärt anschließend auf Griechisch, dass sein Land von der "Brüsseler Bürokratie" enttäuscht sei. Wovon genau, das wird zunächst nicht recht deutlich.

Tatsächlich ist der deutsche Sozialdemokrat Martin Schulz an diesem Dienstag als Präsident des Europäischen Parlaments nach Athen gereist, als ein Vertreter Europas sozusagen . Doch es gibt in diesem Europa keine Europäer, die nicht zugleich auch Franzosen, Polen oder eben Deutsche sind. Und Letztere haben es in Athen zurzeit besonders schwer, auch wenn sie am Auto die blaue Standarte der EU führen. Immerhin, Nazi-Vergleiche oder Karikaturen, die ihn in SS-Uniform zeigen würden, seien, so wird versichert, über Schulz in der griechischen Presse bislang nicht erschienen.

Am Abend spricht der Deutsche vor dem griechischen Parlament oder jedenfalls vor Teilen desselben. Dies ist der eigentliche Anlass seiner Reise. Weder der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso , noch Herman Van Rompuy , der Präsident des Rates, haben sich seit dem Beginn der Krise vor bald zwei Jahren in Athen blicken lassen. Auch deshalb hat Schulz gern zugesagt, als ihn die Einladung aus Athen vor zwei Wochen erreichte.

Nun steht er hinter dem mächtigen Rednerpult des kleinen Plenarsaals, umgeben von viel Marmor. Dass er hier mindestens so sehr als Deutscher wie als Europäer steht, wird bereits deutlich, als ihn Philippos Petsalnikos, der Präsident des griechischen Parlaments, begrüßt. "Wir Griechen sind sehr verärgert", sagt er, "wenn wir hören oder lesen müssen, dass wir nicht genügend arbeiten würden." Petsalnikos zitiert eine Studie der OECD , wonach jeder Grieche durchschnittlich 2100 Stunden im Jahr arbeitet, viel mehr als Franzosen, Italiener oder Deutsche, die mit nicht einmal 1500 Arbeitsstunden in dieser Statistik eher einen hinteren Platz belegen.

Es sei ihm "ein Herzenswunsch", entgegnet Schulz, dass "statt Überheblichkeit, Pauschalurteilen und Verunglimpfungen wieder Respekt, Dialog und Zusammenarbeit" das Verhältnis von Griechen und Deutschen bestimmten. Doch nicht alle Zuhörer mögen dem versöhnlichen Appell folgen. Ein Abgeordneter der konservativen Nea Demokratia beklagt in der anschließenden Aussprache einen "Rückfall Deutschlands in die Vergangenheit". Ein Linker bezichtigt Angela Merkel , sie verfolge "die Vision eines germanischen Europas". Selbstkritik, dies ist der Eindruck, ist unter griechischen Parlamentariern eine ausbaufähige Tugend .