Niederösterreich ist, was die basisdemokratische Entscheidungsfindung betrifft, das Vorzeigeland schlechthin. Eine neue Initiative festigt diesen Ruf jetzt neuerlich. Im schönen Waidhofen an der noch schöneren Ybbs hat eine große Zahl von ÖVP-Mitgliedern aus dem ganzen Bundesland einen Zweitwohnsitz angemeldet; dadurch sind sie nun berechtigt, bei den anstehenden Kommunalwahlen ihre Stimme zu erheben.

Diese wundersame Wählervermehrung dient aber nicht etwa der Manipulation, sondern vielmehr einem noblen Prinzip. Wenn schon die Politik nicht zum Volk kommt, dann kommt eben das Volk zur Politik. Diese neue Art von Siedlungsdemokratie bündelt das Wahlvolk geografisch. Dadurch sichert man klare Mehrheiten und verhindert mühsame Koalitionsbildungen. Zudem werden weltanschaulich homogene Landstriche geschaffen, was auf lange Sicht lästige Wahlen überflüssig macht.

Wenn also jemand seine politische Meinung ändert, muss er auch den Wohnort wechseln. Diese Wählerrotation hat auch enorm positive wirtschaftliche Folgen. Die Speditionsbranche nimmt einen gewaltigen Aufschwung, und ein großer Teil der Bevölkerung besitzt so plötzlich Migrationshintergrund. Dadurch wird globales Bewusstsein geschaffen, und dumpfes Regionaldenken ist endgültig passé. Bleibt nur noch das Problem des heimatlosen Nichtwählers. Steht ihm überhaupt ein Wohnort zu?

Wer diese Frage aus humanitären Gründen bejaht, nimmt zugleich in Kauf, dass derzeit etwa 30 Prozent des Territoriums politikbefreite Zonen sind. Tendenz steigend. Irgendwann gäbe es nur mehr einzelne Siedlungsinseln, auf denen Politiker einen Job fänden. Gallische Dörfer inmitten eines chaotisch selbst organisierten Landes. Ob die Gemeindeväter von Waidhofen ihre Initiative wirklich auch konsequent zu Ende gedacht haben?