Für Heinrich Heinen gibt es nur noch eine Rettung. Gemeinsam mit sechs Männern konnte er aus Zelle 52 der Strafanstalt des Landgerichts Feldkirch ausbrechen. Jetzt muss er so schnell wie möglich über die nahe Schweizer Grenze, fort aus dem Terrorstaat der Nazis, der ihn wegen seiner Liebe zu Edith Meyer zu fünf Jahren Kerker verurteilt hat. Ein "Arier" darf keine "Volljüdin" lieben, das Blut der Herrenmenschen müsse "rasserein" bleiben.

Vergeblich ist Heinen mit den Schlüsseln des Wärters, den die Ausbrecher überwältigt haben, durch die kahlen Gänge der Strafanstalt gehastet, von Zelle zu Zelle. Vergeblich hat er seine Braut gesucht, die er zuvor aus dem Ghetto von Riga befreit hatte und mit der er Richtung Schweiz geflüchtet war. Dort wollten beide heiraten. Doch zwei Monate nach der Verhaftung in Vorarlberg fand er keine Spur mehr von seiner Edith. Nur einen Tag zuvor hatte sie die Gestapo ins Polizeigefängnis nach Innsbruck gebracht, wo sie ein Zug nach Auschwitz, in den sicheren Tod, erwartet.

Vom Schicksal seiner großen Liebe ahnt der 22-jährige Kölner jedoch nichts. Nach der vergeblichen Suche macht er kurz Rast auf einer Hausbank in Oberklien, einem Stadtteil von Hohenems. Josef Höfel, der mit ausgebrochen ist, sitzt daneben. Es ist der 1. September 1942. Durch ein Fenster beobachtet eine Frau die Männer und verständigt die Polizei. Von allen Seiten pirschen die Beamten heran. Heinen feuert aus einer Pistole – bis ihn zwei Kugeln aus dem Karabiner eines Hilfsgrenzangestellten niederstrecken: Eine durchschlägt den Stoff seiner grauen Knickerbockerhose und dringt in den Oberschenkel ein; die zweite trifft ihn mitten in die Brust. Nun wird es still um den jungen Bursch mit dem unerhörten Mut.

"Es ist schon unglaublich, dass die beiden heute noch leben könnten", sagt der pensionierte Vorarlberger Richter Alfons Dür. Von 1998 bis 2008 hat er selbst als Präsident das Landesgericht Feldkirch geleitet, wo die zwei einst ihres Schicksals harrten. In Zelle 52 hat er in frühen Dienstjahren selbst noch Häftlinge vernommen. Eine Anfrage des deutschen Historikers Günter Schmitz, der das Schicksal Edith Meyers erforschte, brachte ihn 1997 auf die Spur der berührenden Liebesgeschichte. Als "Hausherr" des Justizgebäudes bewegte ihn die vergessene Geschichte besonders. 2005 fand er bis dahin unbekannte Gerichtsakten, welche die waghalsige Flucht besser nachvollziehbar machten. Es ist eine Tragödie, wie geschaffen für ein Hollywood-Melodram. Drei Jahre nach dem Aktenfund ging Dür in Frühpension, um sich ganz seinen Nachforschungen widmen zu können. Er kontaktierte Historiker, recherchierte, stöberte Zeitzeugen auf – und machte sich in Köln auf die Suche nach Spuren von Heinrich Heinen. Dessen Elternhaus dürfte am 2. März 1945 beim letzten Bombenangriff auf die Stadt am Rhein zerstört worden sein. Von den Heinens fehlt seitdem jede Spur, kein einziges Foto hat sich von der dreiköpfigen Familie erhalten. Dür gelang es in mühsamer Kleinarbeit trotzdem, die Tragödie dem Vergessen zu entreißen. Ein im Haymon Verlag erschienenes Buch dokumentiert die Geschichte.

Nach wie vor liegen viele Details im Dunkeln. Wo und wie sich Heinrich und Edith genau kennenlernten – er der Spross einer katholischen Arbeiterfamilie aus Köln-Lindenthal, sie das älteste der drei Kinder von Max und Rosa Meyer aus Langenfeld, 30 Kilometer nördlich von Köln –, ist nicht bekannt. Nur das Jahr: 1938.

Edith arbeitet als Schneiderin bei der Firma Brügelmann in Köln, wo Bettwäsche, Decken und Leinentücher hergestellt werden. Ihre Beziehung zu Heinrich muss im Verborgenen stattfinden. Jede Umarmung, jeder Kuss sind verboten und können bestraft werden. Denn seit September 1935, seit dem Erlass der Rassengesetze von Nürnberg, sind die Eheschließung und der außereheliche Geschlechtsverkehr zwischen jüdischen und "arischen" Deutschen verboten.

Zu spät beschließt Edith, in die USA zu flüchten, wohin ihre Schwester Alice bereits ausgewandert ist. Die Familie hätte genügend Geld, doch seit 1941 haben Juden Ausreiseverbot. Das Ziel des Regimes ist ihre Vertreibung nach Osten, in die eroberten Gebiete. Von den rund 32.000 ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechischen Juden haben nur 1147 das Kriegsende überlebt.

Am 11. Dezember 1941 wird Edith nach Riga deportiert. Dort müssen Massenerschießungen Platz für die Neuankömmlinge im schwer bewachten Ghetto schaffen. In den Baracken steht noch das steif gefrorene Essen der Ermordeten auf dem Tisch. Die Temperaturen in der lettischen Hauptstadt sinken bis auf minus 20 Grad. Wer nicht arbeiten kann, wird gleich umgebracht.