DIE ZEIT: Wie fühlt man sich in diesen Zeiten als Banker?

Karl Matthäus Schmidt: Das Image ist extrem schlecht. Man fragt sich selber, warum es so weit gekommen ist, dass wir Banker da unten stehen.

ZEIT: Welche Antwort geben Sie sich?

Schmidt: Wenn man selbstkritisch ist, muss man sagen: Das Image ist zu Recht so schlecht.

ZEIT: Spüren Sie die Ablehnung persönlich?

Schmidt: Ja, das passiert schon mal, wenn man in der Kneipe ist und jemanden kennenlernt. Wenn man sagt, dass man Banker ist, merkt man schon etwas. Ich sage inzwischen schon immer gleich dazu: aber ein fairer und anständiger Banker.

ZEIT: Wie reagieren die Leute darauf?

Schmidt: Mit Gelächter. Banker stehen in dem Ruf, hintenrum und nicht fair zu arbeiten.

ZEIT: Ist der Ansehensverlust Folge der Krise?

Schmidt: Nein, ich glaube, das ist ein schleichender Prozess über die vergangenen Jahrzehnte gewesen. Wir hatten früher den Bankierstypen, der gesellschaftliche Verantwortung verkörpert hat. Dazu zähle ich die Privatbankiers und auch einen Mann wie Alfred Herrhausen , der als Chef der Deutschen Bank eine gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen hat. Doch dann begann die große Ära des Shareholder-Value, in der man nur noch für den Aktionär gearbeitet hat. Die Interessen der Bank wurden vor die Interessen der Kunden gestellt. Fragwürdige Vertriebspraktiken wurden eingeführt. Und man hat die Kreditkunden nicht mehr partnerschaftlich begleitet wie zuvor. So fing der Abstieg an.

ZEIT: Aber ist das nicht ei- ne Entwicklung, die sich in der ganzen Wirtschaft beobachten lässt, nicht nur bei den Banken?

Schmidt: Also, der typische deutsche Mittelständler würde niemals auf die Idee kommen, seinen Kunden etwas überteuert zu verkaufen. Der denkt langfristig, er will ihnen noch in drei Jahren etwas verkaufen können. Dann kann er sie aber nicht heute übers Ohr hauen. Das ist die deutsche Kultur, die wir im Mittelstand haben. Die ist in der Bankbranche komplett abhandengekommen.

ZEIT: Sie entstammen einer Familie, die seit dem Jahr 1828 Bankgeschäfte betreibt. Eine lange Tradition, Sie gehören zur sechsten Generation. Doch vor zehn Jahren geriet die Schmidt-Bank in eine Schieflage und musste abgewickelt werden. Denken Sie daran noch manchmal zurück?

Schmidt: Ja, vor allem dann, wenn ich sehe, wie andere Banken später gerettet wurden. Ein gewisser Groll ist da.

ZEIT: Sie meinen, man hätte die Schmidt-Bank retten sollen?

Schmidt: Das wäre mit relativ wenig Mitteln möglich gewesen. Aber damals wollte man ein Exempel statuieren und alles abwickeln. Dabei ist unsere Bank wegen der Kreditvergabe an Unternehmen in der Region gescheitert, nicht wegen Zockereien.

ZEIT: Die Schmidt-Bank war im bayerischen Hof beheimatet, war aber nach der Wiedervereinigung auch in Sachsen und Thüringen aktiv geworden und hatte dort viele Filialen eröffnet.

Schmidt: Ein Problem war, dass die Bank in einer strukturschwachen Region tätig war. Sicherlich hat mein Vater auch Fehler gemacht. Die Bank ist einfach zu schnell gewachsen.