Der Wiedergänger

Er mag solche Auftritte nicht. Zehntausende umringen die quadratische Bühne, doch der Mann im schwarzen Anorak über dem grauen Pullover wirkt wie alleingelassen. Schneeflocken umtanzen ihn, nur ein Mikrofonständer gibt Halt. Wladimir Putins Auftritt im Moskauer Sportstadion am vergangenen Donnerstag ist der Höhepunkt seiner Wahlkampfinszenierung: Er allein kann das Land retten . Einsam steht er da, so die Botschaft, weil er einzigartig ist. Aber er produziert sich ungern vor den Massen. Er, der sich einen "Fachmann für Menschen" nennt, bevorzugt die kleine Runde mit Augenkontakt.

Doch vor dieser Präsidentschaftswahl muss Putin sich plagen wie nie zuvor. Zwar ist ihm der Sieg am Sonntag aus Mangel an attraktiven Kandidaten sicher, aber erstmals bedrängt ihn eine Gegenbewegung mit Straßenprotesten. Putins Wahlkampfstab wollte mit dem Massenaufmarsch zurückschlagen. Alles war organisiert: Menschenmengen, Plakate aus der Massenproduktion, eine riesige Bühne und eine martialische Rede. Aber der Funke zündete nicht.

Putin versuchte vergeblich, die Stimmung mit Fragen ans Publikum anzuheizen . Als sei er seiner Wirkung nicht sicher, bat er die Menschen vorweg, doch bitte mit "Ja" zu antworten. Dann fragte er: "Liebt ihr Russland ?" Das "Ja" der Zehntausende, der Anhänger und Tagelöhner, die sich für 15 Euro zum Jubeln verpflichtet hatten, rollte nicht wie ein Donnerhall über die Ränge. Es erklang kurz und verhalten. Putin stimmte das Motiv eines Russlands an, das gegen ausländische Kräfte um sein Leben kämpfen muss. Zum Abschluss zitierte er den Dichter Michail Lermontow, der beschreibt, wie die russischen Soldaten 1812 für die Heimat zu sterben versprachen. Doch seinen Anhängern, den jungen Frauen und Beamten, stand mehr nach Tee und Pfannkuchen der Sinn. Von Krieg wollten sie nichts hören.

Noch vor vier Jahren hatte Putin am selben Ort in einer Wahlkampfrede mit gleicher Inbrunst vor den inneren, fremdgesteuerten Feinden gewarnt, die auf der Suche nach einem Bissen Fleisch "wie Schakale" um die ausländischen Botschaften strichen. Damals tobte die Menge. Sein Wahlkampf heute versucht, die alten Erfolgsrezepte zu kopieren. Vor gut einer Woche versprach er eine "beispiellose" Aufrüstung der Streitkräfte über 580 Milliarden Euro im laufenden Jahrzehnt: 400 Interkontinentalraketen, 2300 Panzer, 600 Kampfflugzeuge. Vor zwölf Jahren war seine Popularität nach mehreren Häuserexplosionen und dem Beginn des Tschetschenienkrieges in die Höhe geschnellt. Am Montag erfuhr die Öffentlichkeit von einem angeblichen vereitelten Islamisten-Attentat auf Putin.

Doch es scheint, als habe Putin die Liebe der Russen verloren . Er wirkt veraltet. Wird er dennoch fähig sein, sich ein letztes Mal zu verwandeln – doch noch in einen zeitgemäßen Präsidenten und russischen Reformer?

Veränderungen waren früher Putins Stärke. "Als er 1999 Premierminister wurde, konnte er nur mit Mühe vor großem Publikum sprechen", erzählt der Spindoctor Gleb Pawlowski. "Er fühlte sich unsicher und verlor den Faden." Doch Putin arbeitete hart an sich, obwohl er von Natur aus, so Pawlowski, eher "Hedonist" sei. "Er war anfangs sehr offen und lernfähig, verstand schnell die Probleme und arbeitete im Team."

Pawlowski ist einer der Architekten der Putinschen Ära. Die Polittechnologen seiner Stiftung Effektive Politik haben seit 1999 Putin in einen modernen Zaren verwandelt. "Unsere Aufgabe war es, ihn alternativlos zu machen", sagt Pawlowski. "Wir haben darunter allerdings nicht Verbote, sondern ein Charisma verstanden, mit dessen Hilfe nötige Reformen umgesetzt würden. Damals brauchte Russland einen Arzt. Er sollte der Gesellschaft einen Gips anlegen. Wir ahnten allerdings nicht, dass wir aus diesem Gips nicht wieder herauskommen sollten." Das Verhältnis zu Putin ist mittlerweile abgekühlt. Die Zusammenarbeit der Stiftung Effektive Politik mit dem Kreml endete im vergangenen Frühjahr.

Kann sich Putin noch einmal erneuern?

Man muss sich klarmachen, dass Putin sich als unbeugsamen Willensmenschen bloß inszeniert – seine wirkliche Politik passte sich immer den Forderungen der Zeit an. In den ersten dreieinhalb Jahren betrieb er liberale Wirtschaftsreformen, liebäugelte mit dem Westen und schloss russische Militärbasen auf Kuba und in Vietnam . Dann, mit der Verhaftung des Ölmilliardärs Michail Chodorkowski im Oktober 2003, stärkte er den Staat bis ins Autoritäre und verabschiedete sich von der Integration in die westliche Welt. Nach 2007, wie gedopt vom Wirtschaftsboom, trat Putin dem Westen oft feindselig gegenüber. Doch der Georgienkrieg und die globale Wirtschaftskrise 2008 führten dem Kreml die eigene Verletzlichkeit vor Augen. Russlands Außenpolitik steuerte auf Zusammenarbeit mit dem Westen um. Im Inneren setzte leichtes Tauwetter ein.

Doch trotz des Pragmatismus ist nicht alles beliebig austauschbar in Putins Weltbild. Ein ideologisches Grundgerüst bleibt erkennbar: Patriotismus, Geschichtsbezogenheit, Religion. Putins "russische Idee" umfasst einen starken Staat, der Sicherheit und Ordnung garantieren soll, und die Orthodoxie als Kern der russischen Identität. Individuelle, "westliche" Rechte sind ihnen gegenüber zweitrangig. Die Geschichte ist für den begeisterten Memoirenleser Putin voller Fundstücke, die seine Politik und seine Aura prägen. Er formte einen historischen Mythos voller sowjetischer Legenden, die er behutsam vom allzu kommunistischen Unterton reinigte. Der Sieg im Krieg gegen den Faschismus, die Errungenschaften des Kollektivs und die Modernisierung von oben stehen dabei im Zentrum. "Putin versteht es hervorragend, in sowjetischen Bildern zu sprechen", sagt Pawlowski. "Aber das wirkt heute nicht mehr so anziehend wie vor zehn Jahren. Und die Jugend versteht ihn schon nicht mehr."

Russlands Gesellschaft hat sich zuletzt so schnell verändert , dass Putin nicht mehr mithält. Es ist daher fraglich, ob er sich wirklich erneuern kann. Mit 59 Jahren hat Putin die durchschnittliche Lebenserwartung der russischen Männer fast erreicht. Der rasante Aufstieg und die Jahre der Macht zeigen ihre Folgen: "Putin hat schon vor Längerem das Gefühl entwickelt, hyperkompetent zu sein", sagt Pawlowski. "Er wurde sich zu sicher, dass ihm immer alles gelinge. Er hört nicht mehr hin, wenn ihm etwas missfällt. Er hat den Blick für die Wirklichkeit verloren." Wenn Putin die Probleme des Landes wie die Korruption und die manipulierten Wahlen, die Dominanz des Staates in vielen Branchen der Wirtschaft und die Schwäche der Justiz wirklich anginge, würde er sein eigenes System zerstören. Selbst wenn er das wollte – der Widerstand der Profiteure in seinem Umkreis dürfte groß sein.

Putin vertraut vor allem seiner Intuition. Sie führt ihn im Wahlkampf zum Appell an die niederen Instinkte: Hass gegen die Reichen, die Moskauer, die Ausländer. Umso weniger versteht er die Zehntausende, die gegen ihn auf die Straße gehen. Denn sie haben moralische Beweggründe. Ihnen gehe es doch erst dank seiner Politik gut, mag er denken. Die vermeintliche Undankbarkeit kränkt Putin. Die oppositionellen Demonstranten sind ihm fremd. Kindisch wirken sie auf ihn und nicht gesprächsfähig.

Womöglich wird Putin nach der Wahl versuchen, Veränderung vorzutäuschen. Er könnte eine Koalitionsregierung bilden, um der Opposition scheinbar entgegenzukommen. Aber es wäre eine Koalition à la Putin: Er wird einzelne Politiker anwerben, aber unter seiner Kontrolle behalten. Für Russlands neue Mittelschicht wäre er auch so ein Mann von gestern. Sie wünscht sich einen Präsidenten, der für Dialog und Kompromiss steht. Sogar viele Anhänger Putins auf dem Lande und in den mittelgroßen Industriestädten sind skeptisch geworden. "Die nächste Zeit wird in Russland voller Konflikte sein", prophezeit Pawlowski. "Wir haben zehn Jahre lang wie im Traum gelebt. Jetzt müssen wir dafür zahlen."