Man muss sich klarmachen, dass Putin sich als unbeugsamen Willensmenschen bloß inszeniert – seine wirkliche Politik passte sich immer den Forderungen der Zeit an. In den ersten dreieinhalb Jahren betrieb er liberale Wirtschaftsreformen, liebäugelte mit dem Westen und schloss russische Militärbasen auf Kuba und in Vietnam . Dann, mit der Verhaftung des Ölmilliardärs Michail Chodorkowski im Oktober 2003, stärkte er den Staat bis ins Autoritäre und verabschiedete sich von der Integration in die westliche Welt. Nach 2007, wie gedopt vom Wirtschaftsboom, trat Putin dem Westen oft feindselig gegenüber. Doch der Georgienkrieg und die globale Wirtschaftskrise 2008 führten dem Kreml die eigene Verletzlichkeit vor Augen. Russlands Außenpolitik steuerte auf Zusammenarbeit mit dem Westen um. Im Inneren setzte leichtes Tauwetter ein.

Doch trotz des Pragmatismus ist nicht alles beliebig austauschbar in Putins Weltbild. Ein ideologisches Grundgerüst bleibt erkennbar: Patriotismus, Geschichtsbezogenheit, Religion. Putins "russische Idee" umfasst einen starken Staat, der Sicherheit und Ordnung garantieren soll, und die Orthodoxie als Kern der russischen Identität. Individuelle, "westliche" Rechte sind ihnen gegenüber zweitrangig. Die Geschichte ist für den begeisterten Memoirenleser Putin voller Fundstücke, die seine Politik und seine Aura prägen. Er formte einen historischen Mythos voller sowjetischer Legenden, die er behutsam vom allzu kommunistischen Unterton reinigte. Der Sieg im Krieg gegen den Faschismus, die Errungenschaften des Kollektivs und die Modernisierung von oben stehen dabei im Zentrum. "Putin versteht es hervorragend, in sowjetischen Bildern zu sprechen", sagt Pawlowski. "Aber das wirkt heute nicht mehr so anziehend wie vor zehn Jahren. Und die Jugend versteht ihn schon nicht mehr."

Russlands Gesellschaft hat sich zuletzt so schnell verändert , dass Putin nicht mehr mithält. Es ist daher fraglich, ob er sich wirklich erneuern kann. Mit 59 Jahren hat Putin die durchschnittliche Lebenserwartung der russischen Männer fast erreicht. Der rasante Aufstieg und die Jahre der Macht zeigen ihre Folgen: "Putin hat schon vor Längerem das Gefühl entwickelt, hyperkompetent zu sein", sagt Pawlowski. "Er wurde sich zu sicher, dass ihm immer alles gelinge. Er hört nicht mehr hin, wenn ihm etwas missfällt. Er hat den Blick für die Wirklichkeit verloren." Wenn Putin die Probleme des Landes wie die Korruption und die manipulierten Wahlen, die Dominanz des Staates in vielen Branchen der Wirtschaft und die Schwäche der Justiz wirklich anginge, würde er sein eigenes System zerstören. Selbst wenn er das wollte – der Widerstand der Profiteure in seinem Umkreis dürfte groß sein.

Putin vertraut vor allem seiner Intuition. Sie führt ihn im Wahlkampf zum Appell an die niederen Instinkte: Hass gegen die Reichen, die Moskauer, die Ausländer. Umso weniger versteht er die Zehntausende, die gegen ihn auf die Straße gehen. Denn sie haben moralische Beweggründe. Ihnen gehe es doch erst dank seiner Politik gut, mag er denken. Die vermeintliche Undankbarkeit kränkt Putin. Die oppositionellen Demonstranten sind ihm fremd. Kindisch wirken sie auf ihn und nicht gesprächsfähig.

Womöglich wird Putin nach der Wahl versuchen, Veränderung vorzutäuschen. Er könnte eine Koalitionsregierung bilden, um der Opposition scheinbar entgegenzukommen. Aber es wäre eine Koalition à la Putin: Er wird einzelne Politiker anwerben, aber unter seiner Kontrolle behalten. Für Russlands neue Mittelschicht wäre er auch so ein Mann von gestern. Sie wünscht sich einen Präsidenten, der für Dialog und Kompromiss steht. Sogar viele Anhänger Putins auf dem Lande und in den mittelgroßen Industriestädten sind skeptisch geworden. "Die nächste Zeit wird in Russland voller Konflikte sein", prophezeit Pawlowski. "Wir haben zehn Jahre lang wie im Traum gelebt. Jetzt müssen wir dafür zahlen."