Am frühen Morgen, noch bevor der indische Kronprinz am Himmel erscheint, trägt die Unberührbare Maya Kumari ihre vier Kinder vor ihre Hütte, wäscht sie und setzt eins nach dem anderen auf ein Holzbett. Die ersten Sonnenstrahlen trocknen ihre dünnen Körper. Maya, die traditionell nur ihren Vornamen benutzt, bindet das schwarze Haar der Tochter zu einem langen Zopf, sie behängt sie mit Tüchern und goldenen Ohrringen auf beiden Seiten. Ihren Jungen zieht sie ein sauberes Hemd und Jeans an, die einzigen, die sie haben. Jetzt kann niemand mehr sehen, wie unterernährt die Kinder sind, auch der Kronprinz aus Delhi nicht, sollte Rahul Gandhi sie überhaupt in der Menschenmenge erblicken.

Einige Stunden später schwillt ratternder Motorenlärm an über dem Lehmhüttendorf Maurava, in dem Maya lebt. Die Menschen, inzwischen sind es mehrere Tausend, warten auf einer großen Wiese, zwischen Gitter gepfercht. Es sind arme Landarbeiter und Bauern der niedrigsten Kasten, die wie Maya für diesen Tag ihre besten Kleider hervorgeholt haben: bunte Saris die Frauen, weiße Kutten die Männer. "Rahul Gandhi! Rahul Gandhi!", schallt es aus alten Megafonlautsprechern. Am Himmel über den gelb blühenden Senffeldern taucht ein weiß-roter Hubschrauber auf, die Rotoren wirbeln riesige Staubwolken auf, und während sich die Menschen Jacken und Tücher schützend vor das Gesicht halten, springt Rahul Gandhi mit Turnschuhen und in einfacher heller Bauernkleidung heraus, an seiner Seite stehen zwei Sicherheitsbeamte in dunklen Anzügen.

"Er sieht so weiß und so dick aus", raunt ein Mädchen in der Menge. Das ist ehrfurchtsvoll gemeint und entblößt doch mit einem Satz das schier Unglaubliche an Gandhis Vorhaben: Er, der Sprössling der bekanntesten Politiker-Dynastie des Landes und damit Repräsentant jener indischen Mischung aus Demokratie, Korruption, Wirtschaftsmacht und Elend, will mit dem Machtfilz seiner eigenen Elite aufräumen und die Armen erreichen. Deshalb sucht er den Kontakt zu den Menschen in Dörfern wie Maurava im Bundesstaat Uttar Pradesh, kurz UP genannt, mit 200 Millionen Einwohnern, von denen so viele arm sind wie nirgendwo sonst im Land. Hier finden sieben Tage lang, bis zum 3. März, Wahlen zum Parlament des Bundesstaates statt. Gandhi macht Wahlkampf für seine Kongresspartei, die hier zuletzt erbärmliche acht Prozent errungen hat.

Klicken Sie auf die Karte, um sie zu vergrößern.

Er ist erst 41 Jahre alt und wird als Indiens großer politischer Hoffnungsträger gefeiert. Schon jetzt ist er Generalsekretär der Kongresspartei, die in Delhi regiert. Geht es nach seiner Partei, soll er Premierminister werden. Gandhi könnte Indiens fast 80-jährigen, derzeit glücklosen Regierungschef Manmohan Singh jederzeit ablösen. Doch er zögert. Er traut dem Mythos seiner Familie nicht. Er will sich das hohe Amt selbst erkämpfen, es nicht geschenkt bekommen. Deshalb tourt er dieser Tage durch Indiens größten Bundesstaat. Die Wahlen hier sind seine erste echte politische Bewährungsprobe.

Rahul Gandhi schüttelt den Dorfältesten die Hände, dann erklimmt er rasch eine kleine Holzbühne mit einem Rednerpult und sechs Stühlen. Maya heftet ihren Blick auf ihn, ihre Kinder schauen ungläubig auf den Mann mit dem Vollbart, der so ganz anders aussieht als sie: Sie sind Landbewohner, er ist der Sohn des 1991 ermordeten ehemaligen Premierministers Rajiv Gandhi und der gebürtigen Italienerin Sonia Gandhi , die heute die Kongresspartei in Delhi führt. Sie sind dunkel, er ist hellhäutig. Er hat volle Wangen, ihre Gesichter sind mager und von Hunger zerfurcht. Rahul Gandhi weiß, dass der Hunger in diesem Wahlkampf sein ärgster Gegner ist.

"Ich werde dafür sorgen, dass jede arme Familie die ihr gesetzlich zustehenden 35 Kilo Korn und Reis im Monat bekommt!", ruft er gleich nach der Begrüßung. Applaus braust auf. Das Überleben der Leute hängt von diesen staatlichen Lebensmittelhilfen ab, die ihnen fest versprochen sind, doch nur selten bekommen sie wirklich 35 Kilo ausgeliefert. Einen großen Teil frisst die Korruption im Staatsapparat.

Gandhi weiß aber auch: Er selbst haftet für die Korruption, den Hunger – er, seine Mutter Sonia, seine Großmutter Indira, sein Urgroßvater, der Staatsgründer Jawaharlal Nehru , sie alle haben es nicht vermocht, die Verhältnisse auf dem Land, wo bis heute die große Mehrheit der Inder in Armut lebt, wirklich zu verändern.