ZEITmagazin: Und Sie haben sich von ihm nie in Ihrer Freiheit beschnitten gefühlt?

Hamm-Brücher: Nein, denn mein Mann hatte ein ebenso großes Freiheitsbedürfnis, und wir beide waren sehr tolerante Menschen. Als ich das allererste Volksbegehren in Bayern auf den Weg brachte, gegen die konfessionelle Schule und für die Gemeinschaftsschule, da hat auch mein Mann unterschrieben.

ZEITmagazin: Gibt es außer diesem Pfarrer, der Ihnen den Widerstand ausgeredet hat, noch andere Menschen, durch die Sie gerettet wurden?

Hamm-Brücher: Spontan fallen mir da zwei Situationen ein. Ende der fünfziger Jahre war ich beim Skifahren am Arlberg . Plötzlich wurde Lawinengefahr ausgerufen, und alle stürmten zu den Bussen. Mein Bus war so überfüllt, dass ich nicht mehr reinkam, aber ein österreichischer Zollbeamter drückte mich noch hinein. Wäre er nicht gewesen, wäre ich wohl in den nächsten Bus gestiegen – und der stürzte den Abhang hinunter. Es gab ich weiß nicht mehr wie viele Tote.

ZEITmagazin: Und die andere Situation?

Hamm-Brücher: Das war 1943, als ich Doktorandin bei dem Chemiker und Nobelpreisträger Heinrich Wieland war. Er war kein Widerstandskämpfer, aber ein wackerer Antinazi, der auch nicht-arische Studenten in seinem Institut aufnahm. Nach der Hinrichtung der Weiße-Rose-Studenten begann die Verfolgung ihrer Bekannten. Eines Tages kam die Gestapo ins Institut und erkundigte sich, wie ich denn politisch stehe. "Wer bei mir promoviert", sagte Wieland, "hat keine Zeit, sich politisch zu engagieren. Und Sie können mir das Fräulein Brücher nicht wegnehmen, weil ich sie für meine kriegswichtige Arbeit brauche." So hat er verhindert, dass mir Schlimmeres passierte. Denn viele Freunde kamen vor Gericht, und einige wurden hingerichtet.

ZEITmagazin: Glauben Sie an eine göttliche Fügung?

Hamm-Brücher: Ja, ich habe mir ein gutes Stück meines Kinderglaubens bewahrt, ich glaube an den Schutz und den Schirm des gütigen Gottes. Ich bin fest davon überzeugt, dass es seine Fügung war, dass ich heil durch das "Dritte Reich" gekommen bin.