Eine Geschichte, die vom neuen Einfluss der jungen Ostdeutschen erzählt, muss tief im Westen beginnen, in Osnabrück , wo die Band Kraftklub an einem Abend im Februar auf der Bühne steht. Jubel. Das Konzerthaus heißt Kleine Freiheit . Was gut passt zu der Musik, die von einer Befreiung erzählt, vom Sichaufbäumen der Provinz. Vom Widerstand jener, die lange für Verlierer gehalten wurden, in Wahrheit aber Helden sind. Hunderte tanzen in der Nacht zu dieser Musik, sie fühlen sich verstanden von einer Band aus Chemnitz , Sachsen. Wer mitsingt, ist ein Ostler – einen Abend lang jedenfalls.

Kraftklub : Fünf junge Männer Anfang 20, zur Wendezeit geboren, haben es von Chemnitz aus in die Charts geschafft, auf Platz eins noch in der Woche des Verkaufsstarts. Mit Indie-Rock und Sprechgesang. Das Album heißt Mit K . K wie Klub. K wie Kraft. Und K wie Karl-Marx-Stadt: der Ort, in dem diese fünf leben. Kraftklub ist eine ostdeutsche Band.

Vielleicht die erste, die bundesweit Erfolg hat, auch weil sie aus dem Osten kommt. Und nicht: obwohl. Man ist geneigt, das für eine Zeitenwende zu halten in jenen Wochen, da auch zum ersten Mal ein Mann Bundespräsident werden soll , der aus dem Osten kommt: Joachim Gauck ist der erste Politiker, der so ein Amt nicht erhält, obwohl er Ostdeutscher ist. Sondern gerade weil.

Die große Frage lautet, warum nun Osnabrück so sehr über Kraftklub jubelt, warum man sich im ganzen Land diese Platte kauft. Die einfache Antwort lautet: der Musik wegen, die wirklich gut ist.Aber die Wahrheit ist komplizierter, wie immer.

Das bekannteste Kraftklub-Lied heißt Ich will nicht nach Berlin , sein Refrain ist dieser: »Doch auch wenn andere Städte scheiße sind und ich damit komplett alleine bin, auch wenn da alle meine Freunde sind, will ich nicht nach Berlin !« Es ist ein Lied übers Bleiben. Zur komplizierten Wahrheit gehört, dass Kraftklub ein Gefühl transportiert. Das Gefühl: Wir wehren uns endlich gegen den Hauptstadt-Hype. In Kraftklubs Musik steckt Stolz: Chemnitzer Stolz, sächsischer Stolz, ostdeutscher Stolz. Doch auch Stolz der Provinz. Das sollte man sich genauer ansehen.

Tage nach dem Auftritt in Osnabrück sitzt Felix Kummer, der Frontmann und Sänger, am Marktplatz seiner Heimat Karl-Marx-Stadt und raucht und lacht. Er ist 1989 geboren, sein Vater war selbst ein kritischer Geist, damals. Und zudem nicht unbekannt als Musiker in der DDR-Band AG Geige .

Der Sohn Felix ist ein großer Blonder mit etwas schiefen Zähnen, was ihn sehr sympathisch macht: Schelmisch sieht er aus. Schon wie der selbstbewusste Ostler, für den ihn viele halten.

Warum ein Song gegen Berlin , Herr Kummer?