Es stimmt schon, dass man als Hauptstädter verwöhnt ist: Abend für Abend mehr Konzerte, als anderswo in Monaten geboten werden, viele Türen öffnen sich, entsprechende Fähigkeiten zum Wulffen vorausgesetzt, auch ohne Bezahlung, und hinterher wird das Bewusstsein, dazuzugehören, in den entsprechenden Lokalitäten weiterzelebriert. Die reale wie die angemaßte Bedeutungsproduktion haben in Berlin seit einigen Jahren derart um sich gegriffen, dass einen sogar als Berliner ein gewisser Überdruss befällt.

Nicht nur verständlich also, geradezu zwingend, dass eine Band wie Kraftklub uns selbstverliebten Urbaniten den Kopf wäscht, indem sie ganz andere, weniger erfreuliche Realitäten ins Blickfeld rückt: die Langeweile, die Melancholie, den Punk, der aus der Kälte kam, der Kälte jahrelanger Unsichtbarkeit. So einleuchtend und lyrisch hat man das Lebensgefühl am unteren Rand der Aufmerksamkeitsskala lange nicht mehr um die Ohren gehauen bekommen wie im Song Karl-Marx-Stadt , und zum Hit Ich will nicht nach Berlin ist in nebenstehender Reportage das Nötige gesagt. Das alles ist einleuchtend und, wie gesagt, auch wohltuend. Trotzdem kann man als Hauptstädter die Begeisterung, die dieser Band seit Kurzem entgegenschlägt, nicht vollumfänglich teilen.

Zum einen nämlich ist der Ich-komm-aus-dem-Osten-und-bin-stolz-drauf-Gestus weit weniger selbstbewusst, als er auf den ersten Blick wirkt. Wie alle Anti-Hauptstadtstimmungen bleibt er beim Anti stehen, statt das Eigene starkzureden: Die Tocotronic hörenden Szenegirls, die gleich im ersten Stück besungen werden, mögen zur Kraftklub-Musik tanzen, sind aber erst einmal die Mädchen der anderen. Zum zweiten bestätigt die gewählte Selbstinszenierung gängige Ostklischees, statt sie zu brechen. Wie schon im Fall Rammstein ist es der Kraftkerl, der hier vom Osten her seine Faust erhebt, um, unverbildet wie er nun mal ist, die Großstädter samt ihren verkommenen Sitten Mores zu lehren. Anders jedoch als bei Rammstein mangelt es der Geste an der nötigen Souveränität.

Während Till Lindemann und Co. mit ihrem aus brechtschen Proletkulten, schwarzer Romantik und der ein oder anderen kalkulierten Sauerei zusammengebastelten Brachialstil das ganze Land aufmischten, während sie uns das Gruseln lehrten, indem sie mit viel Kunstblut und Feuerzauber den Schreckensmann aus dem Ossi-Park gaben und insofern bewiesen, dass auch und gerade der Osten seine Lektion in Sachen kapitalistischer Imagepflege gelernt hat, bleiben Felix, Till und ihre Mitstreiter bei allem Erfolg Provinzjungs, die in einer trotzigen Mischung aus Stolz und Neid gen Berlin schauen, wo vermeintlich der Bär tobt. Selbst den Umstand in Rechnung gestellt, dass man seine Feindbilder lieben soll wie sich selbst, ist das im Jahr 2012 unterm Strich ein bisschen wenig.

Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass Berlin selbst sich nur bedingt zum Feindbild eignet. Der großstädtische Hipster , wie Kraftklub ihn besingen – mit Retro-Sonnenbrille, Caffè-Latte-Becher in der Hand und immer am Projekteschmieden –, mag die öffentliche Wahrnehmung der Hauptstadt bestimmen, doch zum einen stellt er, ökonomisch gesehen, selbst eine von Proletarisierung bedrohte Figur dar: Vom Projektemachen allein sind bislang die wenigsten reich geworden. Zum Zweiten und Wichtigeren aber ist der neuerdings so viel gescholtene Mitte-Hipster samt angeschlossenen Szenebezirken bei etwas näherem Hinsehen eine Figur mit durchaus begrenzter Reichweite.

Nur ein paar Meter jenseits der In-Lokale beginnen die Stadtdörfer, in die die Hauptstadt bis heute zerfällt, und was dort zu sehen ist, beweist aufs Eindrucksvollste, dass die Existenz einer echten Mitte in Berlin eine Behauptung war, ist und auf absehbare Zeit bleiben wird. Hätten die Jungs von Kraftklub, statt auf ihrem Provinzkomplex rumzureiten, öfter mal einen Fuß nach Hohenschönhausen, Reinickendorf oder Gropius-Stadt gesetzt, sie hätten bemerkt, dass Chemnitz zu einem beträchtlichen Teil auch in Berlin liegt.