Nirgends ist ein Ossi stärker mit seinem Ossisein konfrontiert als in München . Die Stadt ist zwar nicht die westlichste der Republik, vielleicht aber die westdeutscheste. Doch auch Ostdeutsche in Bayern hören Kraftklub . Wie kommt der Heimatstolz, den die Band beschwört, bei ihnen an?

Wer nach Antworten auf diese Frage sucht, muss erst einmal die Exilanten finden. Das gelingt am besten im Internet , dort, wo sich Facebook-Gruppen wie »Ossis in Süddeutschland« über die alte und die neue Heimat unterhalten oder Mitfahrgelegenheiten etwa nach Sachsen angeboten werden.

Philipp Escher studiert in München , er fährt aber jedes Wochenende nach Chemnitz . »Es geht mir auf den Keks, dass so viele Jugendliche aus meiner Stadt nach Berlin wollen«, sagt der 23-Jährige. »In der Heimat bleiben – das hat lange bedeutet, ein Verlierer zu sein. Kraftklub greifen dieses Klischee auf und ziehen es ins Lächerliche, das finde ich super!«

Im letzten halben Jahr hat der junge Pendler für rund 1.200 Euro Benzin getankt. Escher kommt nicht in der bayerischen Großstadt an. Er sagt, er schleppe sein Sachsentum immer mit sich herum. Er mag München. Aber Chemnitz liebt er.

Für ihn sei es befremdlich, dass Kraftklub von »Karl-Marx-Stadt« singen: »Den Namen verbinde ich mit Eingesperrtsein in einem Land, das auf seine Bürger geschossen hat.« Abgesehen davon jedoch findet Escher es prima, dass die jungen Musiker das Provinz-Image aufpolieren: »Wenn jeder geht und seine Kleinstadt aufgibt«, sagt er, »dann wird sich nie etwas ändern.«

Jörg Berner hat seine Stadt längst verlassen. Er kommt aus Ilmenau und lebt seit sieben Jahren in München. Der 31-Jährige spricht von Hause aus ein Hochdeutsch, das ihn gegenüber Fremden nicht gleich als Thüringer offenbart. Er arbeitet für einen privaten Fernsehsender. »So eine attraktive Stelle hätte ich im Osten nie gefunden«, sagt Berner. »Dabei hätte ich gern die realistische Wahl gehabt, mir einen Job in meiner Heimat zu suchen.«

Ost-Stolz kann Jörg Berner bei sich nicht entdecken. Nur noch einmal pro Jahr fährt er in den Osten. »Ich kenne dort niemanden mehr, alle meine Freunde sind weg«, bedauert er, »und ich fühle mich fremd.« Er will dennoch den Kontakt in die alte Heimat nicht ganz verlieren. Vor einiger Zeit ist er der Facebook-Gruppe »Ossis in München« beigetreten, in der sich auch einige Fans von Kraftklub tummeln. Berner selbst kann nicht viel mit deren Musik anfangen: »Um selbstbewusst zu meiner Herkunft zu stehen, brauche ich nicht die Hilfe so einer Band. Wenn überhaupt, dann kommt das aus mir heraus«, sagt er. »Mich würden die Lieder stärker ansprechen, wenn es mehr um Heimat ginge und weniger um dieses Ost-West-Ding.«

Das sieht Markus Windisch, ein weiterer Wahl-Münchner, ganz anders. Der Unternehmensberater kam vor drei Jahren aus Chemnitz in Bayerns Hauptstadt. »Bei meiner Bewerbung habe ich extra damit kokettiert, dass ich aus dem Osten bin«, erzählt der 29-Jährige. »Dieser frische Ost-Drive war in meiner Firma sogar ein Bonus.« Windisch mag die rotzig freche Art, mit der Kraftklub über ihren Geburtsort singen. »Das hat Charme, was die Jungs da machen. Sie haben eine Welle ausgelöst«, lobt er. »Viele identifizieren sich mit ihren Liedern, die vermitteln so ein Wirgefühl.«

Es gefällt Windisch, dass Kraftklub in der ganzen Republik ein positiveres Bild von Chemnitz erzeugen. Jener Stadt, in die er irgendwann gern zurückkehren möchte. »Ich werde in Bayern keine Familie gründen und alt werden«, sagt er. Zwei der Bandmitglieder kennt der junge Mann persönlich. »Chemnitz ist ein Dorf«, sagt Windisch, »hier ist alles mit allem verwoben.« Es klingt, als wisse er die Provinz zu schätzen.