Das sei kein Song gegen Berlin, sagt er, er habe nichts gegen Berlin, Berlin sei ja nett. Er habe nur etwas gegen Leute, die nach Berlin gingen, weil sie glaubten: Sie würden schon dadurch bessere Menschen. Berlin als Ego-Shooter? Das Fortziehen zur Bewältigung eines Minderwertigkeitskomplexes?

"Ich kann das nicht verstehen", sagt Kummer. Dann erzählt er von früher. Dass es schon in der Schule immer nur ums Fortgehen ging, dass niemand je in Chemnitz bleiben wollte. "Das Ziel schlechthin war: abzuhauen. Irgendwann in einer anderen Stadt sein Glück zu finden." Bald habe er sich gefragt: Warum eigentlich? Warum ist das Fortgehen Selbstzweck geworden?

"Ich kann ja schlecht eingestehen: Du hast recht, ich bin der dumme Ossi"

Abertausende junge Ostler sind fortgezogen in den vergangenen zwei Jahrzehnten: Richtung Köln, Hamburg, München . Und Richtung Hauptstadt, natürlich. Ein Viertel der Chemnitzer ist weg. Sehr viele sind gegangen, weil sie mussten.

Einmal sagt Felix Kummer: "Fünf Leute aus unserer Stufe sind hiergeblieben." Wer denn? "Wir, die Band." Er meint das als Scherz. Aber es gibt Abschlussklassen, die fast geschlossen die Stadt verließen. Auf Kraftklubs Album ist auch deshalb ein Lied, das Karl-Marx-Stadt heißt. Der Text geht so: "Ich komm aus Karl-Marx-Stadt! Bin ein Verlierer, Baby – original Ostler!" Das sind Worte aus Trotz, Parolen gegen das Loser-Image. Eine Abwehr aller Klischees. Man nimmt den Ball nicht auf. Man spielt ihn volley zurück. Felix Kummer sagt: "Ich kann ja schlecht eingestehen: Du hast recht, ich bin der dumme Ossi, ich stell mich an für Bananen." Er hat sich nie für Bananen angestellt. Die DDR ist für ihn nur eine Geschichte, er hat sie nie erlebt. Er kann deshalb unbefangen damit umgehen.

Deshalb Karl-Marx-Stadt . Viele schimpfen, dass die Band den Namen so freimütig nutzt; sie halten das für Geschichtsklitterung. Chemnitz, im Krieg verheerend zerstört, sollte in der DDR sozialistische Prachtstadt werden. Felix Kummer meint: Karl-Marx-Stadt, das sei heute eben schöne Provokation. "Chemnitz hatte immer ein Problem mit der eigenen Identität", sagt er. Denn Chemnitz findet sich ja selber nicht schön. Ist keine Perle auf den ersten Blick. Eine Arbeiterstadt, rau, herzlich. So wie Bochum, das keine Stadt war, die man anbetete – bevor Herbert Grönemeyer sie besang, 1984.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da spielt also Kraftklub in Städten im Westen, das Publikum singt mit, und tausend Kehlen rufen: "Ich komm aus Karl-Marx-Stadt!" Von Ulm bis Rostock teilen Menschen die Abneigung gegen den Fluchtimpuls, die Berlin-Überhöhung. Von Ulm bis Rostock wissen sie jetzt: Die Provinz darf sich dagegen auch wehren. "Ich bin ein Verlierer, Baby": Karl-Marx-Stadt, aus westdeutscher Sicht eine Plattenbausiedlung in der Prärie vor Polen, ist jetzt Anführerin einer ganzen Bewegung. Welch Leistung, Kraftklub!

Die Begeisterung der Menschen in Osnabrück für die Musik von Kraftklub ist auch ein Beleg dafür, wie viel Ostdeutsche bewegen können, wenn sie die Scheu ablegen. Ihre Geschichte einbringen. Nicht zaudern. Wenige haben mit Anfang 20 so viel erlebt wie einer aus Karl-Marx-Stadt. Warum sind Ostler interessanter? Weil sie Umbrüche kennen: Ein Land geht unter, eine neue Welt entsteht. Das Fernsehen aus dem Westen, aber die Lehrer aus der DDR. Großväter mit Stasi-Leid, Großtanten mit IM-Verwicklungen. Solche Biografien können dem Land nun helfen: Jetzt, da Europa in der Krise steckt, muss man stolz sein, dass jener Teil, der neue Länder heißt, schon gut weiß, wie man Krisen bewältigt. Das ist, was auch Kraftklubs Reiz bedeutet. Der Osten ist Avantgarde geworden. Kein Wunder, dass es junge Ossis sind, die jetzt zuerst in Worte fassen, was Provinzler im ganzen Land bewegt. Sie wissen schon von ihren Eltern, wie man sich selbst befreit.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass jetzt Kraftklub und Joachim Gauck zugleich so populär sind. Ostdeutsche sind überaus wertvoll für die Republik. Wenn das Selbstbewusstsein nicht tumbes Kraftgedröhne ist, sondern klug, dann kann auch der Westen von ihnen lernen. Die Musiker von Kraftklub haben in Lieder gepackt, was sie fühlen. Im Osten liegt die Freiheit.

Der Soziologe Wolfgang Engler, Autor von Die Ostdeutschen als Avantgarde , sagt: "Bei den jüngeren Ostdeutschen spüre ich die Verliererrolle nicht mehr." Wie lange war das anders! Der Rapper Sido verheimlichte über zwei Jahrzehnte, dass er in der DDR geboren ist. Als ein Journalist ihn dann nach den Gründen fragte, sagte er schlicht: "Ich musste mich behaupten."