Spazieren gehen, vorlesen, etwas plaudern mit alten Menschen. So hatte sich Melanie Friedrich die Sache mit dem Ehrenamt vorgestellt. Stattdessen fand sie sich zwischen Staubsauger und Toilettenbürste wieder, als Putzfrau in einem Akademikerhaushalt.

Etwas merkwürdig sei ihr das schon vorgekommen, sagt die junge Frau, »weil ich dann ja nicht Senioren helfen sollte, sondern einer relativ jungen Familie. Aber ich dachte mir, das hat schon seine Richtigkeit, wenn die mich da hinschicken.« Die, das sind die Mitarbeiter der Volkssolidarität (VS) Dresden , bei denen Friedrich im Januar eine »Vereinbarung über eine ehrenamtliche Tätigkeit« unterschrieb: Damit hat sie sich verpflichtet, »bei der Betreuung alter, kranker und behinderter Menschen« zu helfen.

Der 1945 in Dresden gegründete Verband ist im Osten eine echte Wohlfahrtsgröße. 1977 zur »sozialistischen Massenorganisation« erklärt, kümmert sich die Volkssolidarität mit ihren sechs Landes- und 98 Kreis-, Stadt- und Regionalverbänden seit Jahrzehnten um Alte und Kranke, betreibt Heime und Wohngruppen und setzt bei ihren fast 300.000 Mitgliedern weiterhin auf das System ehrenamtlicher Nachbarschaftshilfe, das sie sich aus der DDR erhalten hat.

In Sachsen hat man daraus ein ganz eigenes Geschäftsmodell gemacht. Der Dresdner Verein der Volkssolidarität bietet in fast tausend Haushalten der Stadt sogenannte hauswirtschaftliche Dienstleistungen an. Geputzt und gekocht wird dabei von acht hauptamtlichen Mitarbeitern – und 258 Ehrenamtlichen wie Melanie Friedrich. Nach ZEIT-Recherchen kommen dabei allerdings Karitatives und Kommerz auf unerlaubte Weise zusammen.

Sie komme gut aus mit Senioren, erzählt Friedrich, sie habe deshalb Altenpflegerin gelernt. Aus gesundheitlichen Gründen könne sie diesen Job nicht mehr ausüben und wolle, bis sie im Sommer mit einer neuen Ausbildung zur Erzieherin beginne, ehrenamtlich arbeiten. Und ein bisschen Geld verdienen: Fünf Euro die Stunde zahle ihr die Volkssolidarität für den Einsatz, als Aufwandsentschädigung.

Was die 28-Jährige dem Verein einbringt, ist deutlich mehr: 12,50 Euro pro Stunde und eine monatliche Verwaltungspauschale berechnet die Volkssolidarität ihren Kunden. Und bewirbt ihr Angebot auf Jobbörsen im Internet. Wer dort nach einer Haushaltshilfe sucht, stößt auf eine höchst professionell anmutende Offerte: »Qualifizierte Hauswirtschafterinnen« könne man vermitteln, so der Anbieter vsdresden. Das eingesetzte Personal nehme »regelmäßig an Weiterbildungen teil«, es sei haftpflicht- und unfallversichert. Derart angepriesen zu werden, erstaunt Melanie Friedrich. Als Mutter zweier kleiner Kinder habe sie gewiss Erfahrung im Haushalt, gelernte Hauswirtschafterin sei sie aber nicht. Inzwischen frage sie sich, ob bei ihrem Einsatz als ehrenamtliche Putzfrau bei dem Wohlfahrtsverein wirklich alles mit rechten Dingen zugehe.

Jürgen Wörner, Referent für Tarifpolitik bei der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in Berlin , hat darauf eine klare Antwort: »Völlig illegal« sei diese Form der Beschäftigung, zürnt er: »Ein Skandal unter dem Deckmäntelchen der Gemeinnützigkeit«. Die VS biete offenbar gewerbliche Dienstleistungen an. »Und wenn sie eine Frau dafür einsetzt und bezahlt, ist das ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis«, sagt Wörner. Sei die Tätigkeit nicht angemeldet, handele es sich »schlicht um Schwarzarbeit«.

Selbst der Zoll interessiert sich für das Geschäft mit den Ehrenamtlichen

Dafür, was Ehrenamtliche bei dem ostdeutschen Verband tun, interessiert sich nach den ZEIT-Recherchen nun auch der Zoll. Denn laut Einkommensteuergesetz ist Arbeit wie die von Melanie Friedrichs nur dann ehrenamtlich, wenn sie dafür kein Geld oder lediglich eine äußerst geringe Pauschale erhält. Fünf Euro pro Stunde und die Tatsache, dass der Verein für Friedrich die »Einsatzplanung« übernimmt, deuten indes auf ein Beschäftigungsverhältnis hin. Wie aus einem internen Papier der Dresdner Volkssolidarität hervorgeht, werden für fast 85 Prozent der hauswirtschaftlichen Dienstleistungen »ehrenamtlich tätige Personen« eingesetzt, »die Dienst am Menschen verrichten« und mit denen »kein Arbeitsvertrag geschlossen« wird. Angesichts dessen ist nur schwer zu glauben, dass diese nicht fest in die Arbeitsorganisation der Volkssolidarität eingebunden seien. Im Gegenteil: Ohne die Freiwilligen könnte die VS vermutlich mindestens diesen Geschäftsbereich dichtmachen.

Sind die Ehrenamtlichen aber tatsächlich Beschäftigte, muss die Volkssolidarität sie anmelden und sozialversichern. Denn entscheidend für die Frage, ob es sich um ein Arbeitsverhältnis handelt, sagt Dirk Witschel vom Dresdner Zollamt, »ist nicht, was in irgendeiner Vereinbarung steht, sondern was in der Praxis gelebt wird«. Würde man dem Verein Sozialversicherungsbetrug nachweisen können, dann drohen Nachzahlungen, Bußgelder und Strafverfahren gegen die Verantwortlichen.