Sie hat sich damit abgefunden, dass man sie unentwegt nach den Anfängen ihrer Karriere befragt, auch wenn die Urzeiten zurückliegen. Doch inzwischen beantwortet sie solche Fragen sogar wieder ganz gern; schließlich darf sie dann Kronzeugin jener aufregenden Jahre sein. Und sie kann von jenem Mann erzählen, der die Atmosphäre maßgeblich prägte und dann ohne Abschiedsgruß verschwand. Seitdem weiß sie, dass man mit dem Tod rechnen sollte – und ließ sich vorsorglich eine eigene Todesmaske anfertigen: "Die hängt in meiner Wohnung. Ich meine, ich lebe noch. Aber eine Maske mit den eigenen Gesichtszügen sieht ja aus wie eine Totenmaske." Ihr deshalb Todessehnsucht zu unterstellen wäre dennoch verfehlt; dazu lebt sie zu intensiv: "Ich möchte die Gegenwart genießen, ohne zu planen oder zu glauben, dass ich unbedingt noch etwas erreichen muss."

Weise Worte einer Frau, die ihr zweites Talent erst mit mehr als 50 Jahren öffentlich machte. Noten kann sie bis heute nicht lesen, und "in der Schule habe ich fast immer alles falsch gesungen – vor Aufregung und aus Angst, ich könnte versagen". Aber das hatte mehr mit den Umständen zu tun als mit mangelnder Begabung. Sie war ein Flüchtlingskind, das mit der Mutter in eine fremde Umgebung verpflanzt worden war. Und als der Vater, ein Holzhändler, drei Jahre später dazu stieß, war er für Frau und Tochter ein fremder, gebrochener Mann. "Er hat immer gesagt, das Leben sei gar nichts." Damit wuchs sie auf und auch mit der Überzeugung, dass die Ehe eine Falle sei, in die sie selber nie tappen wollte (was sie auch nicht tat). "Die Ehe meiner Eltern war ein Gefängnis, das wollte ich nicht wiederholen." Gleichwohl war sie, das Einzelkind, die Hoffnungsträgerin, und fast wäre sie eine brave Lehrerin geworden. Doch alles kam anders, weil sie den Mann traf, der sie zum Megastar machte. Obwohl sie damals immer das Gefühl hatte, sie sei nicht schön genug! Der Rest der Welt sah das komplett anders, überschüttete sie mit Lob und Preis, war gebannt von ihrer "ungewöhnlichen Erotik", lag ihr zu Füßen – ihr, der "aufregendsten Schauspielerin" des Kontinents, wie eine Zeitschrift enthusiastisch titelte.

Und dann wurde es sehr still um sie. "Ich habe schon immer gewusst, dass es ein permanentes Leben im Scheinwerferlicht nicht geben kann", hat sie einmal erklärt. Und dass ihr die späte, den Eltern nachgetragene Liebe damals wichtiger war als die Karriere, auch wenn sie riskierte, für immer in der Versenkung zu verschwinden. Das aber verhinderte ein junger Mann, der ihren Glamour nie vergessen hat. Seither kann man sie wieder öfter sehen, sie, die in Würde Gealterte mit der betörenden Stimme. Wobei sie Wert darauf legt, "nicht nur schön zu singen, sondern meine Lieder wie schroffe Skulpturen in den Raum zu stellen". Frei nach ihrem Lebensmotto: "Werde, was du sein möchtest!" Wer ist’s?

Lösung aus Nr. 9:

Durch die Geburt von Marie Thérèse Charlotte de Bourbon (1778 bis 1851) erlebte das französische Königshaus einen Aufschwung, mit dem Marsch auf Versailles 1789 den Anfang seines Endes. Ludwig XVI. unterstellte sich mit seiner Familie 1791 dem Schutz der Nationalversammlung und wurde eingesperrt. Der Legende nach wurde Marie Thérèse nach ihrer Freilassung 1795, da geistig verwirrt, vertauscht und lebte als "Dunkelgräfin" in Hildburghausen. Wahrscheinlicher aber war sie es, die durch Heirat zur Herzogin von Angoulême wurde und in beiden Restaurationen ihre Onkel Ludwig XVIII. und Karl X. unterstützte. In Bordeaux versuchte sie zu intervenieren, indem sie dem von Elba geflohenen Napoleon Truppen entgegenschickte