Gut für die Kunst, dass wieder Krise ist. Als der Boss vor bald vier Jahren zu Barack Obamas Krönungsfeierlichkeiten aufspielte, war das, als würde der amtierende König des Rock’n’Roll dem neuen Mann im Weißen Haus hochoffiziell seinen Segen erteilen. Ein historischer Moment, wie er in seinem schönsten Flanellhemd von den Schwielen sang, die die Arbeit am Amerikanischen Traum an seinen Händen hinterlassen habe, doch jetzt, da die Mühlen ruhten und nichts als Freude herrschte, wusste man: Hier hält ein verlorener Sohn Einkehr. Seiner Musik allerdings hat das nicht nur gut getan.

Konsistenz und Tönung eines Springsteen-Albums sind eben in starkem Maß vom Zustand des Landes abhängig, dem er seit vier Jahrzehnten als singender Seelsorger dient, man muss sich nur jeweils umgekehrte Vorzeichen hinzudenken. Erstrahlt Amerika im Glanz seiner Größe, neigt er dazu, sich in Lobreden auf die Früchte verfassungsgarantierter Glückssuche zu verlieren. Läuft etwas schief, kann er endlich wieder das tun, was er am besten beherrscht: predigen. Insofern hat es seine Vorteile, dass derzeit wieder Zwietracht eingekehrt ist im Land der Freien. Wo das vorhergegangene Album Working On A Dream dem Rausch der Stunde Ausdruck verlieh, handelt Wrecking Ball vom Kater danach.

Zu erleben ist ein Springsteen in seiner Paraderolle: als Geisterfahrer auf dem Highway der Träume, immer auf der Suche nach dem Gelobten Land, das irgendwo hinter dem Horizont liegen muss. Allein, wie schwer ist es dieses Mal zu finden! Während er an der Himmelstür rüttelte, um einem gänzlich neuen Amerika zur Geburt zu verhelfen, haben Händler, Spieler und Abzocker das Kommando übernommen, mit dem Ergebnis, dass am Ende kein Stein auf dem anderen geblieben ist. "Gambling man rolls the dice, working man pays the bills" , das ist der Befund, der seine Reise ins Herz der Finsternis begleitet, eine bei aller Richtigkeit rustikale Einsicht. Die Feindiagnostik allerdings war Springsteens Sache noch nie. Sein Job besteht darin, eiserne Reserven zu mobilisieren.


Es ist der brave Mann, dem auch hier wieder Tribut gezollt wird, als Stahlarbeiter, als Automechaniker, als Baumwollpflücker auf den weiten Ebenen des Südens. Gut geht es ihm nirgends, was er im Schweiße seines Angesichts geschaffen hat, liegt von Chicago bis New Orleans darnieder, doch Springsteens Trip zu den Betrogenen und Gebeutelten beweist eben auch, dass in jedem guten Amerikaner ein Überlebenskünstler steckt. Sie haben das Anpacken nicht verlernt, die Helden dieser Songs, irgendein Dach gibt es immer zu flicken, irgendeine Maschine wartet in jeder Scheune darauf, wieder in Betrieb genommen zu werden. Das Land will von Grund auf neu bestellt werden, und wenn es ganz hart kommt, hilft ein Blick in die Bibel: " We’ll take care of each other like Jesus said that we might. "

Die Stärke dieser Beschwörung uramerikanischer Tugenden liegt in der Erprobtheit ihrer Mittel: So ist schon Woody Guthrie durch den Staub der Großen Depression gereist, so war Jack Kerouac unterwegs, in diesem Geist fing die Kamera Walker Evans’ das Schicksal verarmter Landarbeiter ein, von den Klagen der namenlos gebliebenen Herumtreiber und Bluesleute zu schweigen. Springsteen tritt in die Fußstapfen dieser Dokumentaristen der Krise, mit dem Unterschied, dass alles bei ihm ein paar Nummern größer ausfällt: als Anwalt des common man faltet er seine ernüchternden Befunde zum in Öl gemalten Gesellschaftspanorama auf. Der Boss wäre aber nicht der Boss, wüsste er nicht, mit welchen musikalischen Mitteln man Balsam in verletzte Seelen träufelt.