In meinen Träumen passiert es mir immer wieder, dass ich zu einem wichtigen Termin oder einem schönen Ereignis zu spät komme. Kein Wunder: Im Alltag ist mein Timing grauenhaft, ich bin fürchterlich unpünktlich. Wenn ich zum Flughafen muss, fallen mir tausend Dinge ein, die ich vorher erledigen will. Ich fahre erst im allerletzten Moment los und gerate dann in Vollstress, weil das Flugzeug bald startet. Wenn es Stau gibt, bin ich aufgeschmissen.

Die größte Angst habe ich aber vor Zombies. Wirklich! Sie versetzen mich in Panik. Ich bin der dumme Hund, der sich jeden Zombiefilm anschaut und danach jedes Mal ausrastet. Vor einer Weile lief die großartige Zombieserie The Walking Dead im Fernsehen, die gefiel mir irrsinnig gut. Aber nach jedem Zombiefilm geht es mir eine Zeit lang ziemlich schlecht. Dann inspiziere ich ganz genau jeden Raum, den ich betrete, auch bei Auftritten, und suche nach möglichen Verstecken, in denen ich mich im Fall eines Zombieangriffs verbarrikadieren könnte.

Seltsamerweise macht mir die Brutalität dieser Filme nicht viel aus. Es ist etwas anderes, Unbewusstes, das Zombies für mich so faszinierend und erschreckend macht. Sie rühren an eine Urangst: dieses Gefühl der völligen Ausweglosigkeit. Egal, wie langsam sie sich bewegen, irgendwann bist du gefangen, umzingelt von der großen, trägen Masse, und du hast keine Chance mehr zu entkommen. Sie machen dich zu einem von ihnen.

Es könnte sein, dass meine Zombiephobie auch mit meiner Kindheit zusammenhängt. Ich bin streng katholisch erzogen worden, in einer bayerischen Klosterschule hat man mir den Katholizismus und die dazugehörigen Schuldgefühle auch mal mit der einen oder anderen Watsche eingetrichtert. Möglicherweise ist der Zombie ja auch eine Horrorversion des Lebens nach dem Tod. Das ist eine Vorstellung, die mich immer erschreckt hat: Vielleicht werden wir alle nach unserem Tod in einem Paralleluniversum zu dumpfen Zombies, ähnlich den Alkoholleichen um 23 Uhr auf dem Oktoberfest.

Ich habe mal gelesen, Zombies seien ein typischer Kiffer-Alptraum, da sie sich so langsam bewegen. Aber wenn ein Zombie zu mir käme, würde ich ihm erst mal einen Joint anbieten: »Eh, Alter, du siehst ja schlimm aus, nimm einen Zug!« Ich möchte das Kiffen auf keinen Fall verharmlosen, aber mich stört schon lange die Hetze, die in der deutschen Öffentlichkeit betrieben wird: Jeder Kiffer gilt als Drogensüchtiger, während auf dem Oktoberfest, beim Fasching und Karneval lustig vor sich hin gesoffen wird.

Ich stelle mir gerne vor, es gäbe ein zweites Oktoberfest, genauso groß, mit den gleichen Besucherzahlen, eine Art Gegen-Wies’n. Dort würden anstelle von Bier nur Joints verkauft. Am Ende würden dann die beiden Oktoberfeste, die Kiffer-Wies’n und die Alkohol-Wies’n, miteinander verglichen: Wo gab es mehr Gewalt, wo mehr Verletzte, Kollabierte, Kranke und Vollrauschzombies. Ich wette, da würde die Kiffer-Wies’n besser abschneiden.

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