Die Schweiz und ihre Uhrmacher – ganze Bibliotheken wurden darüber geschrieben. Berühmt sind ihre Erfinder und Techniker wie Abraham Louis Breguet , der im 18. Jahrhundert das Tourbillon ersann, oder Adrien Philippe , der 1842 die Aufzugskrone erfand.

Doch da sind auch jene, die ganz andere Wege nahmen. Charles-Édouard Jeanneret beispielsweise, der Sohn eines Zifferblatt-Emailleurs aus La Chaux-de-Fonds. Er lernte das Ziselieren von Gehäusen, wandte sich 1905 der bildenden Kunst zu, ging nach Paris und machte unter dem Namen Le Corbusier Weltkarriere. Auch Grock , der legendäre Clown, war einmal Uhrmacherlehrling im Jura gewesen. Das bekannteste aller entlaufenen Schweizer Uhrmacherkinder aber ist eine Halbwaise aus Genf , die der verkrachte Vater bei einem Graveur in die Lehre gab. Sobald sich die Gelegenheit bot, kehrte Jean-Jacques Rousseau dem jähzornigen Meister und der strengen Stadt den Rücken. Das philosophische Werk, das er später schuf, zählt heute zum Fundament der Moderne.

Rousseaus Ausbildung als graveur pour l’horlogerie endete 1728. Zu dieser Zeit waren Uhren die wichtigste Einnahmequelle der Stadtrepublik Genf. Isaac Rousseau, der Vater, hatte von 1705 bis 1711 in einer Genfer Kolonie in Konstantinopel gelebt, als Uhrmacher des Serails. Schon damals verkaufte man weltweit Zeitmesser aus der Schweiz: Ob am Bosporus oder in Kleinasien, in Russland oder am Indischen Ozean – überall hatten die Genfer Händler ihre Filialen.

Die Uhrmacher gehören zu den Gründern der Antiautoritären Internationale

Natürlich war die Uhrmacherei kein originär Schweizer Handwerk. Hugenottische Flüchtlinge aus Frankreich, so heißt es, brachten es ins calvinistische Genf. Es gibt sogar eine Jahreszahl: 1587 nahm der Stadtrat den Franzosen Charles Cusin kostenlos ins Bürgerrecht auf – unter der einzigen Bedingung, dass er den einheimischen Goldschmieden sein Handwerk beibringe. Wegen seiner Kunstfertigkeit wurde Cusin auch vom Herzog von Navarra umworben, dem späteren Franzosenkönig Henri Quatre. Bald verschwand der Meister aus Genf, und mit ihm ein höherer Geldbetrag, den die Regierung vorgeschossen hatte. Die Uhrmacherei florierte trotzdem weiter. Hundert Jahre später beschäftigten hundert Meister dreihundert Gesellen, und weil Genf seit je ein Zentrum der Gold- und Silberschmiede war, wurden auch die Uhren besonders kostbar ausgestattet.

Von Anfang an pflegte jeder Produzent sein eigenes kleines Fabrikationsgeheimnis und seinen historischen Mythos. Schon im 18. Jahrhundert sprachen die Chronisten nicht von Handwerkern, sondern von Künstlern. Einer dieser Künstler, ein Autodidakt, war der Begründer der Neuenburger Uhrenindustrie. Er hieß Daniel JeanRichard und wuchs in einem Weiler namens Les Bressels in der Nähe des Bergdorfes Le Locle auf.

JeanRichards Vater muss Schmied gewesen sein, daneben betrieb er, wie manche Uhrmacher noch Jahrhunderte später, eine kleine Landwirtschaft auf dem kargen Juraboden. Der Sohn soll eine Lehre als Goldschmied absolviert haben, doch wo er dies tat und was er damit in einem Nest wie Les Bressels anfangen wollte, geht aus den Quellen nicht hervor. 1679 jedenfalls steigt ein weit gereister Pferdehändler namens Peter bei der elterlichen Schmiede ab; er bringt aus der Uhrenstadt London eine Taschenuhr mit, die unterwegs kaputtgegangen ist. Solche Kunstwerke seien in den Neuenburger Bergen noch »ganz unbekannt« gewesen, versichert der Historiker Frédéric-Samuel Ostervald, der 1765 ein Buch über das (damals noch zu Preußen gehörende) Fürstentum Neuenburg verfasste.

Als nun der Pferdehändler in der Schmiede einige Lehrlingsarbeiten des jungen Daniel sieht, überlässt er diesem die Uhr. Dem Jungen gelingt es tatsächlich, sie zu reparieren. Mehr noch: Der 14-Jährige setzt sich in den Kopf, selber eine ähnliche Uhr herzustellen. Ein Jahr lang arbeitet er an den nötigen Feinwerkzeugen, dann an den Federn, der Schale, der Schnecke, der Unruh. In den nächsten sechs Monaten baut er die Uhr zusammen. Die erste, die im Fürstentum Neuenburg entsteht.

Ostervald versichert, dass alle Angaben »vollkommen gewiss« und »von mehreren Künstlern bekräftigt« seien. Und tatsächlich ist neben einigen mit JeanRichards Stempel versehenen, noch etwas klobigen Uhren eines seiner Skizzenhefte erhalten geblieben, auch ist sein Name seit 1712 in Le Locle belegt. Er habe begonnen, heißt es in den Quellen, weitere Uhren zu fabrizieren, außerdem Gesellen aus dem Unterland geholt und die Kunst auch seinen Brüdern und später den Söhnen beigebracht. Sogar einen Apparat zur Verfertigung von Zahnrädern soll Daniel JeanRichard, dessen Denkmal heute das Zentrum von Le Locle ziert, erfunden oder, wohl eher, einem Genfer Konkurrenten abgeguckt haben.

Uhrmacher als Aristokraten der Arbeiterschaft

Sicher ist, dass die Uhrmacherei auf den Dörfern zu jener Zeit wesentlich billiger kam als im teuren Genf und dass hier keinerlei Zunftgesetze die Produktion behinderten. 1765, als Ostervalds Buch erscheint, werden bereits 15.000 goldene und silberne Uhren aus den Neuenburger Hochtälern exportiert. Dreißig Jahre später sind es 40.000 Taschenuhren, dazu, wie Ostervald schreibt, eine »große Menge einfacher und zusammengesetzter Pendülen«. Die Dörfer La Chaux-de-Fonds und Le Locle wachsen zu kleinen Städten mit jeweils mehr als 5.000 Einwohnern heran, schätzungsweise 12.000 Menschen in der Region leben von der Uhrenindustrie.

Noch wird alles – ähnlich wie in der frühen Textilindustrie – nach dem Verlagssystem organisiert. Es gibt kein zentrales Atelier, sondern die Herstellung ist in kleine Arbeitsvorgänge aufgeteilt und wird vom Verleger oder Etablisseur an spezialisierte Fachleute vergeben. Diese arbeiten im Stücklohn und auf Abruf mit dem Material, das ihnen der Auftraggeber liefert, meistens zu Hause auf einem Hof oder in einem kleinstädtischen Kabinett, später auch in Ateliers unter der Aufsicht von Meistern. Erst ganz zum Schluss werden die einzelnen Werkstücke beim Etablisseur zur Uhr montiert.

Mitte des 19. Jahrhunderts, als auch Karl Marx einen Blick auf die Industrie im Schweizer Jura wirft, sieht er dort eine »Unzahl von Teilarbeitern«, die so gar nicht dem Bild des modernen Industrieproletariats entsprechen und deren Berufe er auf einer halben Buchseite geradezu atemlos aufzählt: vom »Rohwerkmacher, Uhrfedermacher, Zifferblattmacher, Spiralfedermacher, Steinloch- und Rubinhebelmacher, Zeigermacher, Gehäusemacher, Schraubenmacher, Vergolder mit vielen Unterabteilungen« bis zum »Stahlpolierer, Räderpolierer, Schraubenpolierer, Zahlenmaler, Blattmacher«. 54 verschiedene Arbeitsgänge braucht es 1830, um eine Uhr herzustellen, etwa hundert sind es 1870. In La Chaux-de-Fonds werden 67 verschiedene, voneinander auch räumlich abgegrenzte Tätigkeiten ausgeübt, die sich auf 1.300 Werkstätten und viele Haushalte verteilen.

Es ist ein zersplitterter, ein einsamer und stiller Beruf, den diese Künstler in den Tälern um La Chaux-de-Fonds und bald auch weiter südlich im Vallée de Joux sowie im Berner Jura betreiben. Sie sprechen kaum bei der Arbeit, sie atmen vorsichtig, sie sitzen diszipliniert auf verstellbaren Holzstühlen am hohen Fenster, jedes Zittern könnte ihre Arbeit zerstören. Trotz aller Routine bleibt es eine Tätigkeit, die das Denken schult. Die Uhrmacher gelten bald als die Aristokraten der Arbeiterschaft, zumindest fühlen sie sich so. Sie werden auch immer mehr: Bis 1850 hat sich die Produktion noch einmal verzehnfacht. Sie organisieren sich politisch, sie denken links, aber nicht marxistisch, sondern libertär. Sie gehören zu den Gründern der anarchistischen Antiautoritären Internationale, die ihren ersten Kongress 1873 im Juradorf Saint Imier abhält. Sie treten für individuelle Freiheiten ein, gegen jede Bevormundung. Und solange sie besser und billiger produzieren als alle anderen, brauchen sie auch die Mechanisierung nicht zu fürchten, die in den USA bereits begonnen hat und zunächst einmal die mächtige englische Konkurrenz lahmlegt.

Am 10. Mai 1876 wird in Philadelphia die Weltausstellung eröffnet. Sie präsentiert eine Werkschau der amerikanischen Industrie. Die Abgesandten der Uhrmacher-Kantone kehren schockiert und fasziniert zurück. Er habe auf seiner Reise auch die Fabriken von Waltham Watch, Elgin Watch und Springfield Watch besichtigt, schreibt Jacques David aus Saint Imier in einem Bericht, den er zusammen mit einem anderen Uhrmacher verfasst. Man müsse anerkennen: Die schweizerische Industrie habe sich überholen lassen! Er bringt amerikanische Uhren mit, um sie den Schweizer Industriellen vorzuführen. Diese Zeitmesser sind nicht nur billiger, sondern mindestens so gut wie die eigenen.

China wird zwischen Bovet und Vacheron Constantin aufgeteilt

Die großen Werkstätten in Waltham, Massachusetts, und anderen Orten der USA funktionieren nicht mehr nach dem vorindustriellen System der Etablissage, sondern als moderne Produktionsanlagen, in denen viele Hundert Arbeiter mithilfe von Maschinen aus standardisierten Einzelteilen einwandfreie Uhren zusammensetzen. Auch in der Schweiz müssten dringend solche Fabriken gegründet werden, fordert David, der selbst als Ingenieur bei Longines arbeitet. »Wenn sie hier nicht gebaut werden, dann werden sie in den USA gebaut, und in wenigen Jahren wird für uns nichts mehr übrig bleiben, denn die Amerikaner verkaufen ihre Uhren jetzt schon auf unseren Märkten, in Russland, in England, in Südamerika, in Australien und in Japan .«

David wird recht behalten. In den 1870er Jahren stürzt die Schweizer Uhrenindustrie in eine empfindliche Krise. Es ist die erste von drei großen Krisen, die sie an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Haben die Schweizer bisher Markt um Markt erobert, sei es Russland, wo der Schaffhauser Heinrich Moser bereits 1848 den Handel monopolisierte, sei es China, wo Bovet aus dem Val de Travers den Süden und Vacheron Constantin aus Genf den Norden beherrschte, sei es Japan, wo sich die Neuenburger bald nach der erzwungenen Öffnung des Landes niederließen – jetzt geht dieser Siegeszug zu Ende. Noch 1870 stammen weltweit drei Viertel aller verkauften Uhren aus der Schweiz. In den folgenden Jahren aber drängen billige amerikanische, bald auch industriell hergestellte deutsche Produkte sogar auf den einheimischen Markt!

Doch den Schweizern gelingt es erstaunlich rasch, eine eigene Serienproduktion aufzubauen. Die Fabriken stehen nicht mehr auf den verkehrstechnisch ungünstigen Jurahöhen, sondern am Übergang des Juras ins flache Mittelland. Die neuen Uhrmacher sind auch nicht mehr die »Künstler« von früher – solche gibt es zwar weiterhin in den Bergen, doch was die produzieren, gilt jetzt als hochpreisiges Luxusgut. In den Fabriken werden auch ungelernte Arbeiter eingestellt; in Biel und Grenchen, zwei neuen Zentren der Branche, entsteht ein klassisches Industrieproletariat. Die Arbeiter organisieren sich und wählen rote Stadtregierungen. Fast wöchentlich gibt es irgendwo Arbeitskämpfe, in denen es meist um die Löhne geht. Von 1882 bis 1911 verzehnfacht sich die Anzahl der Fabriken, zu den Taschenuhren kommen – die Firma Girard-Perregaux in La Chaux-de-Fonds gehört zu den Pionieren – erstmals Armbanduhren. Die Uhrmacherei ist in der Moderne angelangt.

Mit Quarz und Luxus aus der Krise

Gleich nach dem Ersten Weltkrieg bricht allerdings die zweite existenzielle Krise aus. Der Verkauf nach Deutschland und in die Länder der ehemaligen Donaumonarchie kommt zum Erliegen, Exporte in die neue Sowjetunion gibt es keine mehr. In Ostasien und Lateinamerika machen erste japanische Uhren die Kundschaft streitig; zahlreiche Länder, wie Spanien, erheben hohe Einfuhrzölle. Hauptabnehmer für die Schweiz sind jetzt die USA, aber dort trifft man nach wie vor auf die härteste einheimische Konkurrenz. Im Frühjahr 1921 haben sich die Exportzahlen im Vergleich zur Vorkriegszeit halbiert, die Zahl der Arbeitslosen ist von null auf 25.000 angestiegen. Die Preise verfallen, eine Rezession greift um sich, die auch die Textil- und Maschinenindustrie erfasst und sich – mit konjunkturellen Unterbrechungen – bis in die dreißiger Jahre hinein fortsetzt.

Kaum davon touchiert bleibt das oberste Luxussegment. Rolex zum Beispiel, ursprünglich von einem Bayern als Importfirma für Schweizer Uhren in London gegründet, geht es glänzend: 1926 lanciert man eine wasserdichte Uhr namens Oyster – ein Klassiker bis heute. Auch LeCoultre im Vallée de Joux ist gut im Geschäft: 1929 präsentiert das Haus die kleinste Uhr der Welt mit weniger als einem Gramm Gewicht und 1931 die legendäre Sportuhr Reverso, deren Gehäuse durch einen Handgriff mit der gläsernen Oberseite nach innen gedreht werden kann, um sie zu schützen.

Die Hersteller billigerer Ware aber werden jetzt überall zur »Umstellung« aufgefordert. Die leeren Fabrikhallen sollen mit krisenrobusterer Industrie gefüllt werden. So finanziert die rote Stadtregierung in Biel Anfang der dreißiger Jahre die Ansiedlung eines Automobilwerks des US-Konzerns General Motors, um die Arbeiter zu beschäftigen.

Zugleich entstehen mit der Société Suisse pour l’Industrie Horlogère (SIH) und der Allgemeinen Schweizerischen Uhrenindustrie AG (ASUAG) zwei große, vom Schweizerischen Bundesrat geförderte Trusts, die etliche Firmen vereinen oder vertraglich zur Zusammenarbeit verpflichten. Von 1941 an besitzen sie ein landesweites Monopol auf die Herstellung von Uhrwerken, dabei bleibt die Produktion der einzelnen Marken voneinander getrennt. Mit einem »Uhrenstatut« wird die Branche als Kartell organisiert, Mindestpreise erhalten Gesetzeskraft und sollen auch kleinen Betrieben das Überleben sichern.

Es ist vor allem der Staat, der diesmal interveniert, indem er den Im- und Export reguliert, die Gründung oder Erweiterung von Uhrenfabriken bis in die Nachkriegszeit hinein bewilligungspflichtig macht und so die dezentralen Strukturen festigt. Als im Zweiten Weltkrieg und durch die nachfolgende Teilung Europas weitere ausländische Konkurrenz verschwindet, kommt auch dies den Schweizern zugute und sorgt für neuen Aufschwung.

Die nächste schwere Krise lässt indessen nicht lange auf sich warten. In den siebziger Jahren scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Wieder scheinen die Schweizer die technische Entwicklung verpasst zu haben, wieder ist die Konkurrenz nicht nur billiger, sondern auch besser. Diesmal dauert die Rezession – durch die Ölkrise verstärkt – mehr als fünfzehn dramatische Jahre. Die Hälfte der Firmen verschwindet vom Markt, und mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze geht verloren.

Im goldenen Zeitalter der Hochkonjunktur nach dem Krieg hatte man noch regelmäßig zweistellige Dividenden auf das Aktienkapital gezahlt. Die Exporte waren von 25 Millionen Uhren 1950 auf über 80 Millionen Mitte der siebziger Jahre gestiegen. Zwar zerfiel das Kartell der Vorkriegszeit in den sechziger Jahren, doch mit den großen Trusts SSIH und ASUAG blieb die helvetische Besonderheit bestehen, dass die einzelnen Firmen zugleich miteinander verbunden und Konkurrenten waren.

Mit Quarz und Luxus aus der Krise – die Branche triumphiert

In den Siebzigern nun stürzt der Dollarkurs ab, die Exportpreise erhöhen sich massiv, ohne dass die Einnahmen steigen. Die Japaner und Amerikaner warten nicht nur mit weitaus billigeren Uhren aus weitaus größeren Fabriken auf, sondern auch mit einer völlig neuen Technik: der elektronischen Uhr mit Quarzwerk. Das Know-how dafür ist in der Schweiz seit den sechziger Jahren zwar vorhanden, es wurde aber nicht weiterverfolgt.

Bald stehen SSIH und ASUAG vor dem Konkurs. Firmen wie Omega und Tissot gehören zur SSIH. Von der ASUAG beziehen bis auf wenige Luxusmarken sämtliche Uhrmacher ihre Werke. In einer aufsehenerregenden Fusion werden die beiden maroden Großfirmen 1983 verschmolzen. Das sei, so mutmaßt nicht nur der Spiegel , wohl der »letzte Versuch«, die Uhrenindustrie zu retten.

Dabei begann genau hier das jüngste Erfolgskapitel der großen Schweizer Uhrensaga. Der starke Mann der neuen Firma heißt Nicolas G. Hayek. Er ist Unternehmensberater und kennt sich mit Rationalisierungen aus. Der Schweizer Marktanteil am internationalen Geschäft, so argumentiert er, sei zwar unter zehn Prozent gefallen, aber nur was die Stückzahl betreffe. Schaue man hingegen die Umsatzzahlen an, so habe die Schweiz einen Anteil von 30 Prozent, bei Luxusuhren sind es sogar 85 Prozent. Die Uhrenindustrie, prophezeit der aus dem Libanon stammende Hayek in die helvetische Hoffnungslosigkeit hinein, sei »ein schlafender Gigant«.

Er verfolgt eine Doppelstrategie. Zum einen lanciert er die billige Quarzuhr Swatch, die aus nur 51 Teilen besteht und von Automaten hergestellt wird. Mit ihrem Pop-Design entwickelt sie sich zu einem Kultobjekt der nächsten Jahrzehnte. Zum anderen wird – Marketing ist alles – der alte Mythos von der Schweizer Luxusuhr neu belebt, der Mythos vom Uhrenkünstler, wie ihn einst Frédéric-Samuel Ostervald so schön formulierte. Die Rechnung von Hayek, der 2010 im Alter von 82 Jahren in Biel starb, ging auf. 2011, so lesen wir, soll ein Rekordjahr gewesen sein, allen Banken- und Euro-Krisen zum Trotz – das beste in der langen Geschichte der Schweizer Uhrmacherei.