Gleich nach dem Ersten Weltkrieg bricht allerdings die zweite existenzielle Krise aus. Der Verkauf nach Deutschland und in die Länder der ehemaligen Donaumonarchie kommt zum Erliegen, Exporte in die neue Sowjetunion gibt es keine mehr. In Ostasien und Lateinamerika machen erste japanische Uhren die Kundschaft streitig; zahlreiche Länder, wie Spanien, erheben hohe Einfuhrzölle. Hauptabnehmer für die Schweiz sind jetzt die USA, aber dort trifft man nach wie vor auf die härteste einheimische Konkurrenz. Im Frühjahr 1921 haben sich die Exportzahlen im Vergleich zur Vorkriegszeit halbiert, die Zahl der Arbeitslosen ist von null auf 25.000 angestiegen. Die Preise verfallen, eine Rezession greift um sich, die auch die Textil- und Maschinenindustrie erfasst und sich – mit konjunkturellen Unterbrechungen – bis in die dreißiger Jahre hinein fortsetzt.

Kaum davon touchiert bleibt das oberste Luxussegment. Rolex zum Beispiel, ursprünglich von einem Bayern als Importfirma für Schweizer Uhren in London gegründet, geht es glänzend: 1926 lanciert man eine wasserdichte Uhr namens Oyster – ein Klassiker bis heute. Auch LeCoultre im Vallée de Joux ist gut im Geschäft: 1929 präsentiert das Haus die kleinste Uhr der Welt mit weniger als einem Gramm Gewicht und 1931 die legendäre Sportuhr Reverso, deren Gehäuse durch einen Handgriff mit der gläsernen Oberseite nach innen gedreht werden kann, um sie zu schützen.

Die Hersteller billigerer Ware aber werden jetzt überall zur »Umstellung« aufgefordert. Die leeren Fabrikhallen sollen mit krisenrobusterer Industrie gefüllt werden. So finanziert die rote Stadtregierung in Biel Anfang der dreißiger Jahre die Ansiedlung eines Automobilwerks des US-Konzerns General Motors, um die Arbeiter zu beschäftigen.

Zugleich entstehen mit der Société Suisse pour l’Industrie Horlogère (SIH) und der Allgemeinen Schweizerischen Uhrenindustrie AG (ASUAG) zwei große, vom Schweizerischen Bundesrat geförderte Trusts, die etliche Firmen vereinen oder vertraglich zur Zusammenarbeit verpflichten. Von 1941 an besitzen sie ein landesweites Monopol auf die Herstellung von Uhrwerken, dabei bleibt die Produktion der einzelnen Marken voneinander getrennt. Mit einem »Uhrenstatut« wird die Branche als Kartell organisiert, Mindestpreise erhalten Gesetzeskraft und sollen auch kleinen Betrieben das Überleben sichern.

Es ist vor allem der Staat, der diesmal interveniert, indem er den Im- und Export reguliert, die Gründung oder Erweiterung von Uhrenfabriken bis in die Nachkriegszeit hinein bewilligungspflichtig macht und so die dezentralen Strukturen festigt. Als im Zweiten Weltkrieg und durch die nachfolgende Teilung Europas weitere ausländische Konkurrenz verschwindet, kommt auch dies den Schweizern zugute und sorgt für neuen Aufschwung.

Die nächste schwere Krise lässt indessen nicht lange auf sich warten. In den siebziger Jahren scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Wieder scheinen die Schweizer die technische Entwicklung verpasst zu haben, wieder ist die Konkurrenz nicht nur billiger, sondern auch besser. Diesmal dauert die Rezession – durch die Ölkrise verstärkt – mehr als fünfzehn dramatische Jahre. Die Hälfte der Firmen verschwindet vom Markt, und mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze geht verloren.

Im goldenen Zeitalter der Hochkonjunktur nach dem Krieg hatte man noch regelmäßig zweistellige Dividenden auf das Aktienkapital gezahlt. Die Exporte waren von 25 Millionen Uhren 1950 auf über 80 Millionen Mitte der siebziger Jahre gestiegen. Zwar zerfiel das Kartell der Vorkriegszeit in den sechziger Jahren, doch mit den großen Trusts SSIH und ASUAG blieb die helvetische Besonderheit bestehen, dass die einzelnen Firmen zugleich miteinander verbunden und Konkurrenten waren.

Mit Quarz und Luxus aus der Krise – die Branche triumphiert

In den Siebzigern nun stürzt der Dollarkurs ab, die Exportpreise erhöhen sich massiv, ohne dass die Einnahmen steigen. Die Japaner und Amerikaner warten nicht nur mit weitaus billigeren Uhren aus weitaus größeren Fabriken auf, sondern auch mit einer völlig neuen Technik: der elektronischen Uhr mit Quarzwerk. Das Know-how dafür ist in der Schweiz seit den sechziger Jahren zwar vorhanden, es wurde aber nicht weiterverfolgt.

Bald stehen SSIH und ASUAG vor dem Konkurs. Firmen wie Omega und Tissot gehören zur SSIH. Von der ASUAG beziehen bis auf wenige Luxusmarken sämtliche Uhrmacher ihre Werke. In einer aufsehenerregenden Fusion werden die beiden maroden Großfirmen 1983 verschmolzen. Das sei, so mutmaßt nicht nur der Spiegel , wohl der »letzte Versuch«, die Uhrenindustrie zu retten.

Dabei begann genau hier das jüngste Erfolgskapitel der großen Schweizer Uhrensaga. Der starke Mann der neuen Firma heißt Nicolas G. Hayek. Er ist Unternehmensberater und kennt sich mit Rationalisierungen aus. Der Schweizer Marktanteil am internationalen Geschäft, so argumentiert er, sei zwar unter zehn Prozent gefallen, aber nur was die Stückzahl betreffe. Schaue man hingegen die Umsatzzahlen an, so habe die Schweiz einen Anteil von 30 Prozent, bei Luxusuhren sind es sogar 85 Prozent. Die Uhrenindustrie, prophezeit der aus dem Libanon stammende Hayek in die helvetische Hoffnungslosigkeit hinein, sei »ein schlafender Gigant«.

Er verfolgt eine Doppelstrategie. Zum einen lanciert er die billige Quarzuhr Swatch, die aus nur 51 Teilen besteht und von Automaten hergestellt wird. Mit ihrem Pop-Design entwickelt sie sich zu einem Kultobjekt der nächsten Jahrzehnte. Zum anderen wird – Marketing ist alles – der alte Mythos von der Schweizer Luxusuhr neu belebt, der Mythos vom Uhrenkünstler, wie ihn einst Frédéric-Samuel Ostervald so schön formulierte. Die Rechnung von Hayek, der 2010 im Alter von 82 Jahren in Biel starb, ging auf. 2011, so lesen wir, soll ein Rekordjahr gewesen sein, allen Banken- und Euro-Krisen zum Trotz – das beste in der langen Geschichte der Schweizer Uhrmacherei.