Seit 1981 gibt es die Dissidenten , deutsche Pioniere der Weltmusik. Viele Jahre reisten Uve Müllrich, Friedo Josch und Marlon Klein durch Asien , Arabien und Afrika , um mit Einheimischen zu spielen. Mal lebten sie in Spanien , mal nahmen sie ein Album im Palast des Sultans von Tanger auf, mal führten sie in Kanada die Hitliste an, mal sah man sie halb nackt in Indien im Bentley eines Yogis höhere Sphären ansteuern. Ihre Platten nannten sie Germanistan oder Sahara Elektrik. Am 24. März 2012 sollen sie im Schauspielhaus Hannover den Niedersächsischen Friedensmusikpreis bekommen.


Nun aber haben sie Ärger. Vor ein paar Wochen fragten Fans von weit her an, was sie denn da für seltsame Videos bei YouTube hätten. Zwischen Fata Morgana und den Lost Hindu Tapes sieht man plötzlich Landsermantel, Lederhandschuh und wurfbereite Brandbombe, das Cover eines Albums namens Protestnoten . Zu Punkakkorden wird gesungen: »Du gehst abends nach Hause, mit Freunden, es war schön // Da siehst du ihre Bande an der Straßenecke stehen, die Haare schwarz, mit Alphajacke und mit dunkler Haut // Sie haun dir auf die Fresse und danach wirst du beklaut // Doch was willst du... // Dass es mir leid tut? // Du bist selber schuld, der du viel zu lange schläfst, zu lange hattest du Geduld // Werdet im Widerstand aktiv!« Der Bandname Dissidenten ist so geschrieben, dass er sich wie Di SS identen liest. Wer weitergoogelt, findet Hakenkreuze, arische Jugend und das Label Wewelsburg Records, benannt nach einer Kult- und Terrorstätte der SS bei Paderborn .

Die Dissidenten wollten sich der Di SS identen erwehren, indem sie die Videos »flaggten«, wie es auf Netzdeutsch heißt, nämlich als gewaltverherrlichend markierten und per Mausklick an YouTube meldeten. Bewirkt hat das nichts.

Fragt man bei YouTube nach, heißt es, dass in jeder Minute des Tages 60 Stunden Film hochgeladen würden; da sei das Entfernen nicht so einfach. Zudem sei NS-Propaganda nach amerikanischem Recht nicht verboten, und Zensur lehne man sowieso ab. Die Dissidenten gehen jetzt anwaltlich gegen Band, Label und Webshops vor, gestützt auf das deutsche Namensrecht, das die Imitation verbietet. Erste strafbewehrte Unterlassungserklärungen wurden unterzeichnet, die braune Band hat sich in Di SS zensiert umbenannt.

Die Videos aber stehen immer noch im Netz. Müssen die Dissidenten jetzt YouTube verklagen? Und wird YouTube für die Nazivideos kämpfen?