Die Zahl ist groß. Zu groß, um tatsächlich Politik werden zu können. 27,1 Millionen junge Menschen müssten jährlich nach Europa einwandern, damit das heutige Verhältnis von Arbeitstätigen und Pensionierten bis ins Jahr 2050 stabil bleiben würde, berechnete die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD. Für die Schweiz hieße das: Wollte sie den demografischen Wandel allein mit Zuwanderung bekämpfen, müsste sie nicht 70.000, sondern 300.000 Menschen pro Jahr aufnehmen. Sich also einmal die Stadt Zürich einverleiben – anstatt wie heute eine Stadt von der Größe Luganos.

Die Zahlenspielerei zeigt: Migration ist kein Allheilmittel, auch nicht gegen die Überalterung der Gesellschaft. Aber eine clevere Migrationspolitik ist ein Standortvorteil. Staaten, die Einwanderer vergraulen, werden sich dereinst verfluchen. Denn andernorts buhlt man um sie.

Wie also sähe eine solche Politik aus, gedacht für das Jahr 2030, für eine Schweiz mit dannzumal wohl 9 Millionen Einwohnern?

Erst einmal müsste das Land sein Selbstbild erneuern. Wir dürften uns bei diesem Blick in den Spiegel ausnahmsweise sogar auf die Schultern klopfen. Denn die Schweiz hat seit Einführung der Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union eine Parforce-Leistung hingelegt. Kein anderes westliches Land hat, gemessen an der Gesamtbevölkerung, in so kurzer Zeit einen so großen Zuwanderungsstrom aufgenommen.

Unter den Industriestaaten gehört die Schweiz weltweit zu den Ländern mit den höchsten Ausländeranteilen und Einwanderungsraten. Überflügelt wird das Land nur von den Golfstaaten und Singapur. Wobei dort gilt: Hat der Ausländer seine ökonomische Schuldigkeit getan, muss er das Land verlassen.

Im Jahr 2030 werden wir also mit Stolz von der "Erfolgsgeschichte Personenfreizügigkeit" sprechen. Nicht nur, weil sie unsere Volkswirtschaft in Krisenzeiten am Laufen hielt und die Überalterung der Schweiz um zehn Jahre aufschob. Nein, in erster Linie, weil es den Schweizerinnen und Schweizern gelang, sich mit Hunderttausenden Neuankömmlingen zu arrangieren. Und dies ohne, dass No-go-Areas oder gated communities entstanden.

Wie hat die Schweiz das geschafft? Mit Fremdenliebe sicher nicht. "Die Schweizer und die Briten haben die ablehnendste Haltung gegenüber Migration in Europa", sagt Elizabeth Collett vom Migration Policy Institute in Brüssel. Und Daniel Müller-Jentsch vom Thinktank Avenir Suisse beobachtet: "Die Schweizer pflegen im Großen eine Kultur der Offenheit und Toleranz. Im Kleinen sind sie intolerant. Es herrscht im alltäglichen Umgang miteinander ein hoher Assimilierungsdruck." Gefordert wird von den Einwanderern: Anpassung an die hiesigen Gepflogenheiten, an all die ungeschriebenen Regeln. (Schweizer "bekommen" kein Brötchen, sie hätten gerne eins – "Bitte! Danke! Merci!")

Wie lange bietet Europa der Schweiz noch genügend Arbeitskräfte?

Ganz anders in den USA oder Kanada. Dort liegt die Assimilierungskraft im Positiven. "I am proud to be an American / Where at least I know I am free", singt, wer an der Einbürgerungsfeier eben seinen amerikanischen Pass erhalten hat. Es eint sie alle der Glaube an den Amerikanischen Traum, den sie nun endlich verwirklichen können. Und wer in Kanada genug Geld investiert, wird mit der Staatsbürgerschaft belohnt. Die Schweiz, nein, sie kennt keine solche welcome culture.

Auf den ersten Blick ist das störend. Großzügigkeit ist sympathischer als Kleinkrämerei. Freiheit verlockender als Unterordnung. Und wer meint, die Fremden könnten nur von ihm, er aber nicht von den Fremden lernen, der vergibt große Chancen.

Aber soll man das ändern? Gegen Umerziehung sind Schweizer immun, und sie widerspricht zutiefst der Kultur eines liberalen Gemeinwesens. Auch noch 2030. Stattdessen sollte man das Integrationspotenzial dieser Intoleranz im Kleinen nutzen. Klar, Deutsch, Französisch oder Italienisch sollte auch in zwanzig Jahren lernen, wer in der Schweiz wohnen will. Aber die diffuse, normative Kraft der Gemeinschaft macht Dutzende Integrationskurse und jahrelange, unergiebige Diskussionen über Integrationsgesetze überflüssig. Allerdings wird 2030 die Schweiz für viele Zuwanderer nur eine Durchgangsstation sein – sie ziehen später weiter oder kehren nach Hause zurück. Hier ist Toleranz gefragt – auch im Kleinen. Bei internationalen Schulen, fremdsprachigen Country-Clubs oder dem englischen Geschnatter in In-Lokalen. Was außerhalb Europas schon lange der Normalfall ist, etabliert sich ebenso in der Schweiz: eine überschaubare, nicht-integrierte Expatriate-Gemeinde. Sie ist akzeptiert, weil das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt. Ohne diese Business-Nomaden könnten die hierzulande ansässigen Großfirmen nicht funktionieren.

Gefragt sind 2030 indes nicht allein hochqualifizierte Arbeitskräfte. Zahlreiche Studien erwarten einen härteren globalen Wettstreit um Handwerker, Alten- und Krankenpflegerinnen.

Dass dieser neue war on talents für Europa und die Schweiz kein Selbstläufer wird, zeigt der Oxford-Ökonom Ian Goldin in seinem viel beachteten Buch Exceptional People. How Migration Shaped Our World and Will Define Our Future.