Schlachtfeld Frau – Seite 1

Eines hat der Sache der Frauen in den letzten Jahren auf subtile Art geschadet: die anerzogene Gewohnheit, wenn es Probleme gibt, die Schuld bei sich zu suchen. Es ist beim besten Willen nicht zu übersehen, dass es in Sachen Gleichberechtigung noch sehr viel Anlass gäbe, Streit anzufangen. Aber wie soll man Forderungen stellen, wenn man damit befasst ist, sich zu fragen, ob man dünn und entspannt genug ist? Bekommt man Lust auf Macht, indem man ständig die eigene "Ausstrahlung" überprüft? Wie kann man kämpfen, während man verzagt den eigenen Bauchnabel betrachtet?

Was hat uns bloß so paralysiert?, mag man sich fragen und dabei vielleicht den Fernseher einschalten, wo gerade wieder die einflussreichste Erzählung unserer Zeit über erfolgreiche Weiblichkeit angefangen hat. Sie heißt Germany’s Next Topmodel , es wird die Personality sehr junger Frauen nach der Hurtigkeit bewertet, mit der sie sich den Körpermaßen, Bewegungsabläufen und Vermarktungsstrategien der Modeindustrie anpassen. Die das nicht so gut können, fliegen raus. Das Leistungsideal, das dort repräsentiert wird, ist im Laufe der sieben Jahre, die das Casting läuft, derart prägend gewesen, dass immer öfter Frauen berichten, sie hätten in der Nacht vor einem durchaus ernst zu nehmenden Bewerbungsgespräch ihre akademisch hochgerüsteten Lebensläufe fest umklammert, geträumt, sie müssten im Bikini auf rutschigen Laufstegen vor eine Jury schmieriger Prominenter treten und um ein Foto von sich selbst bitten.

Den "halb bewussten Dämmer zwischen Selbsttäuschung und Betrogenwerden", wie der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme es mal genannt hat, könnte jetzt ein Buch stören, das tatsächlich selbst vom weiblichen Körper handelt, sich aber radikal aller Tips zur Selbstoptimierung entschlägt. Stattdessen schildert es die Lage als Schlachtengemälde: Bombardiert von den suggestiven Forderungen der Kulturindustrie, kapitulieren Frauen vor der gnadenlosen Abscheu, die ihren Leibern entgegenschlägt und werden zu erbitterten Gegnern ihrer selbst. Sie hungern, sie disziplinieren sich, sie liefern sich jeder Überwachung aus, "um nur ja nicht zu viel Raum zu beanspruchen". Das Beispiel einiger Kombattantinnen lehrt sie ständige Furcht vor sexueller Gewalt und Totschlag. Sie marschieren unter der "Parole einer neuen Geschlechterkonformität, die uns direkt ins Fleisch gebrannt wird".

Kurios klingt das doch, vierzig Jahre nachdem Frauen mit der Parole "Mein Bauch gehört mir" die Entscheidungen über ihren Körper der Fremdbestimmung entrissen zu haben glaubten. Und jetzt eine so grausige Rhetorik aus dem Mund einer 25-Jährigen! Laurie Penny, die Autorin von Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus ist eine britische Bloggerin und Aktivistin. Im Vorwort zu einer Sammlung ihrer Texte schreibt ihr älterer Kollege Warren Ellis, er mache sich immer Sorgen, wenn er auf Twitter sehe, dass Penny unterwegs sei. Unweigerlich sei dann irgendeine Protestaktion im Gange und sie mittendrin. Ist die Frau auf Krawall gebürstet?

Bestimmt, aber sie übertreibt kein bisschen. Ihre Polemik, das schrill Agitatorische, ist vielleicht die einzige Tonlage, in der sie ihre Wunden zeigen kann, für die sie die gesellschaftlichen Verhältnisse verantwortlich macht. Sie nölt nicht an Befindlichkeiten herum, sie kritisiert herrschende Ideologien. Dass dieser Gestus seit geraumer Zeit als altmodisch und spielverderberisch gilt, spricht dafür, dass er so nötig ist wie nie. Es ist befreiend, Laurie Penny zu lesen, denn der entscheidende Vorteil ihrer "materialistischen Sicht auf Geschlecht und Gesellschaft" ist, dass er vor dem ideologischen Trick schützt, der sich in der Aussage verbirgt: Wenn du Schmerzen hast, befrage dich selbst, entspanne, trainiere, organisiere dein Leben. Du kannst alles haben, du musst es nur wollen. Wie es in der Kampagne für Ausbildungsplätze bei McDonald’s heißt: "Häng dich rein und du bekommst hier deine Chance".

Solche Appelle übertragen eben gerade die Widersprüche, mit denen Frauen konfrontiert werden, ihrer individuellen Verantwortung und verwickeln sie in Selbstzweifel. Eine grundsätzliche Verwechslung wird deshalb kaum verstanden und selten so klar thematisiert, wie in Pennys feministischem Manifest. Jene Verwechslung nämlich, durch die man Freiheit und Emanzipation realisiert glaubt, auf einem liberalen Markt, auf dem Frauen ja längst frei sind, durch Arbeit und Konsum teilzunehmen und dabei den eigenen Wert zu messen und zu verhandeln – aber eben nur genau so frei. Das führt zu dem verblüffenden Phänomen, dass sie sich immer just durch die Moden, Hygieneartikel und Geräte selbst verwirklichen können, die gerade käuflich zu haben sind. Germany’s Next Topmodel übrigens ist gerade deshalb auf so verschrobene Art wahrhaftig, weil es in nuce inszeniert, welch grotesken Einsatz diese sogenannte Freiheit fordert.

Was sich den Anschein selbstbestimmten Handelns gibt, so Laurie Pennys These, sei in Wirklichkeit körperliche Arbeit am eigenen Marktwert. Auch weil die Arbeit im Haushalt und im sogenannten "privaten" Leben noch immer überwiegend von Frauen getan wird – natürlich unbezahlt. Vor allem geht es aber um harte Arbeit am Körper. Tatsächlich ist ja weibliches Auftreten, das mit Anerkennung belohnt wird, wie eh und je mit Disziplin und Kontrolle der Physis verbunden – mitnichten nur in Castingshows. Nachdem die Girls einen Parcours aus Diäten, Schamhaarentfernungen und Hormonbehandlungen absolviert haben, ähneln sie auffällig den Mädchen ganz alter Ordnungen. Sie tun es jetzt aber voller Stolz und freiwillig. Die latente Drohung, sie könnten das Begehren der Männer verwirken, sichert diese Freiwilligkeit.

Eine starke Ermutigung für einen jungen, lebendigen Feminismus

Um nicht ungerecht zu sein und die Herren zu warnen, muss man hier einfügen, dass das Diktat der Körperbeherrschung auch sie zunehmend einholt. Eingefleischte Sexisten lüsteln die trainierten Mädchen ja nicht mehr aus dem patriarchalen Lehnstuhl an. Man findet sie im Fitnessstudio oder beim Waxing, wo sich Biografien an der Frage entscheiden: "Brusthaar, ja oder nein?"

Es könnte also auch für Männer interessant werden, zu welchen manifesten Beschwerden die Anpassung an stereotype Geschlechterrollen führt. Penny beschreibt zum Beispiel ihre Erfahrung mit Essstörungen: "Nichts zu wollen scheint leicht erlernbar zu sein, und ebenso scheint es einfach zu sein, die Regeln bis in ihre letzte, tragische Konsequenz zu beherrschen und jede Nahrungsaufnahme zu verweigern, den Körper zu bestrafen und mit der künstlichen Vorpubertät, in der er durch das Hungern chemisch dauerhaft gehalten wird, die Libido abzutöten. Es ist leichter, ein Zeichen zu werden, als zu versuchen, etwas zu bezeichnen."

Es ist einfacher, heißt das, sich dem Size-Zero-Sex-Appeal anzupassen, als auf der eigenen Körperlichkeit zu bestehen, deren Erotik möglicherweise erst durch echte Berührungen zwischen Menschen ausgehandelt werden müsste: "Junge Menschen, die mit dem Druck aufwachsen, in jedem Bereich ihres Lebens etwas zu leisten, finden sich in der Situation wieder, eine roboterhafte, kapitalistische Erotik nachzuäffen, die kaum etwas mit ihren eigenen legitimen Wünschen zu tun hat." Das geschieht, argumentiert Penny, in einer Gesellschaft, die es für hervorragend hält, wenn Frauen ihre Haut als Playboy- Hasen zu Markte tragen, aber die Grauzonen, in denen Menschen mit Sex Geld verdienen, noch immer tabuisiert. Sie widerspricht hier feministischen Vorgängerinnen, die Prostitution grundsätzlich für frauenfeindlich halten: "Nur wenn man anerkennt, dass Sex theoretisch auch ohne Ausbeutung verkauft werden könnte, kann man fragen, warum genau das so selten passiert."

Pennys Einwand gegen einen Feminismus , der den patriarchalen Stereotypen nur die Gegenideologie der "natürlichen" Weiblichkeit entgegensetzt, bedeutet nicht, dass sie die Frauenbewegung infrage stellt. Im Gegenteil: Indem sie die Behauptung, Gleichberechtigung sei erreicht und müsse jetzt durch jede Einzelne verwirklicht werden, als Schummelei entlarvt, macht sie erst richtig klar, wie zwingend relevant Feminismus ist. Die Gegenkräfte sind heftig, eine radikale Emanzipation wäre ein Instabilitätsfaktor. "Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten", fantasiert Penny, "und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen."

Nicht nur, dass sie die Arbeit am Selbst einfach einstellen könnten, es bestünde auch die Gefahr, dass sie einen echten Willen zur Macht entwickelten. Wie die Dinge liegen, scheinen Frauen keine Möglichkeit zu haben, sexy gefunden zu werden, weil sie Macht an sich nehmen, höchstens obwohl. Frauen, die Einfluss wollen, müssen deshalb ihre professionellen Ziele immerzu gegen ihren erotischen Wert "verrechnen". Sie tun es, indem sie ihren Geschlechtskörper sublimieren, was die Bundeskanzlerin beispielhaft vorzeigt. Oder indem sie ihre erotischen Körper selber als Instrument ihrer Macht "nutzen". In jedem Fall muss ihr Dasein als weibliches ihnen abstrakt zur Disposition stehen – eine erschöpfend schizophrene Situation. Dieses Problem haben Männer nun wirklich nicht: Man trennt, was sie betrifft, nicht zwischen ihrem körperlichen Begehren und ihrem Begehren nach Macht. Was, wenn Frauen ihnen darin gleich würden? Man sieht schon Staaten gären und Hohe stürzen. Es verspräche aber auch aufregende neue Abenteuer in den Chefetagen.

Am utopischen Horizont des Feminismus, den Laurie Penny vertritt, liegt eine Gesellschaft, in der es so viele verschiedene Geschlechteridentitäten gäbe wie Menschen. Manche mögen davor Angst haben, weil sie befürchten, ohne "richtige" Männer und Frauen wäre auch Sex sinnlos und alle Freude am Leben perdu. Es ist doch aber sehr unwahrscheinlich, dass wir gleich den Spaß an Sex verlieren, bloß weil wir aufhören in Hellblau und Rosa zu denken. Natürlich sind solche Ideen nicht irre neu oder revolutionär, sondern seit etwa zwanzig Jahren Status quo aller Gendertheorie, auf die sich auch Penny bezieht. In die Massenkultur sind sie aber bisher nicht vorgedrungen.

Vielleicht weil Ideologiekritik an ihre Grenzen gerät, wo sie einen Verblendungszusammenhang nicht einfach zerschlagen kann, weil er wirksam ist. Wir leben ja in unseren zugerichteten Körpern. Alle, die sich auf ihrem Social-Network-Profil von schräg oben in den Ausschnitt fotografiert zeigen, die finden, nichts schmecke so gut, wie sich Dünnsein anfühlt, die an der größten ihnen zur Verfügung stehenden Öffentlichkeit ihr Sexualverhalten breittreten, werden immer sagen: "Ich mache das nur für mich, nicht für Geld oder weil es Mode ist. Mir geht es besser so." Ihr Begehren ist real, es funktioniert, ob es nun falsch ist oder richtig. Es zu desavouieren wäre unsensibel, es durch politische oder pädagogische Maßnahmen ersetzen zu wollen autoritär.

Laurie Penny fordert deshalb Solidarität zwischen "all jenen, die in der heutigen Welt an Geschlechtszuschreibungen leiden". Und sie zeigt, wie subtil diese Leiden sein können. Ihr Buch ist eine starke Ermutigung für einen jungen, lebendigen Feminismus. Dessen avancierteste Strömungen sind ja schon einen Schritt weiter und versuchen, über die Krise der Kritik hinwegzuhelfen, indem sie neue Sinnangebote entwerfen. Sie fragen: Womit identifizieren wir uns, um uns nicht mehr durch unser Geschlecht identifizieren zu lassen? In Deutschland ist ihr Leitmedium das großartige Missy Magazine, in dem sich zu dieser Frage die neuesten Ergebnisse aus der Popkultur finden, neben Verweisen auf viele Blogs und Publikationen aus der ganzen Welt. Sie machen das Leben sicher nicht übersichtlicher, aber freier.

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