Einzelgänger war er, und dennoch unübertroffener Interpret der großbürgerlichen Gesellschaft. Ein feiner Spagat. Adolph Menzel gelang er. Menzel war ein unabhängiger Geist, der als Hofchronist auch zu Lebzeiten von Kollegen hoch geschätzt wurde.

Berühmt wurde er mit Illustrationen zu Kuglers mehrbändiger Geschichte Friedrichs des Großen, den sogenannten Fridericus-Rex-Bildern. Sie mehrten seinen Ruhm und ließen die Auftragslage für Porträts und seine gleichermaßen intimen wie distanzierten Darstellungen eines großbürgerlichen Lebensstils in der wirtschaftlich aufstrebenden Metropole Berlin trefflich gedeihen. In der Berliner Gesellschaft, die etwas auf sich hielt – und es sich leisten konnte –, gehörte es zum guten Ton, ein Menzel-Bild zu besitzen. In der Regel waren es Aquarelle oder Pastelle, die ihren Weg in die Salons fanden.

Gleich zwanzig solcher Arbeiten auf Papier kommen nun am 28. März bei Neumeister in München zur Versteigerung. Sie stammen aus einer im Verlauf von 40 Jahren zusammengetragenen Sammlung. Sogar eines seiner Gemälde ist darunter: das auf Holz gemalte kleine Ölbild Bärtiger Arbeiter , wohl von 1867, angesetzt mit 20.000 Euro.

Die meisten Menzel-Gemälde gingen in Museen und an Institutionen. Der Auktionsmarkt spiegelt das: Gerade einmal 14 Gemälde wurden in den letzten zwanzig Jahren auf internationalem Parkett weitergereicht, nicht jedes fand gleich beim ersten Versuch einen Käufer, allerdings aus ganz unterschiedlichem Grund: Mal waren die Preisvorstellungen unrealistisch, mal die Eigentumsverhältnisse nicht geklärt. Die Bandbreite der Zuschläge klaffte weit auseinander, sie reichte vom niedrigen vierstelligen Hammerpreis (Der Dessauer, Fischer, Luzern ), über hohe 310.000 Pfund für ein kleinformatiges Küchenstück (Umgestürzter Teekessel, Sotheby’s, London) bis zu drei Ergebnissen über einer Million Euro (Schafgraben in Berlin, Villa Grisebach, Berlin, Ein Spazierritt König Friedrichs, Bolland & Marotz, Bremen , Meissonier in seinem Atelier in Poissy, Sotheby’s, London).

Der Bärtige Arbeiter aus der Neumeister-Auktion ist in Motiv und Auffassung charakteristisch für Menzels Interesse an der Stellung des Menschen und seinen Lebens- und Arbeitsbedingungen in einer extremen gesellschaftlichen Umwälzung, wie sie mit der Industrialisierung einherging. Manche sehen Menzel gern als Kritiker, der sich auf die Seite der Benachteiligten stellt, und führen als Beispiel eines seiner Hauptwerke an, Das Eisenwalzwerk von 1872. Das ist Sozialromantik. Menzel empfand den Fortschritt nicht als Fluch. Er dokumentierte. Da er sich nicht des ultramodernen Mediums, der Fotografie, bediente, musste er einen malerischen Wert entgegensetzen, der, keineswegs idealisiert, die gefeierte Moderne angemessen darstellt und vor allem ihre Errungenschaften und ihre Bedingungen detailgenau wiedergibt. Vor allem um Genauigkeit ging es dem offenbar von preußischem Pflichtbewusstsein durchdrungenen Maler, der für seine Gemälde, aber auch für Aquarelle und Pastelle zahllose Vorzeichnungen und Studien anfertigte. Er war ein Autodidakt, der zeitlebens um die bestmögliche Wiedergabe des Gesehenen rang.

Entsprechend viele Zeichnungen sind im internationalen Auktionsmarkt präsent. Allerdings wirkt sich das nicht im Geringsten auf die Preisstruktur für Menzel-Arbeiten auf Papier aus. Für bildmäßig ausgeführte Aquarelle oder Pastelle werden auch hohe sechsstellige Gebote abgegeben. Die Taxe von 40.000 Euro für die Marktszene in Verona, eine weiß gehöhte Grisaille von 1886, nimmt sich da recht moderat aus. Auch das expressiv gestimmte Jom-Kippur-Motiv, eine Gouache von 1901, dürfte den Ansatz von 20.000 Euro hinter sich lassen. Zwei Modellstudien können den entsprechenden Gemälden zugewiesen werden: ein stehender junger Mann, sensibel, konzentriert (Taxe 12.000 Euro) findet sich als Page in dem Gemälde Friedrich der Große auf Reisen wieder. Das Bild eines auf dem Bauch liegenden kleinen Mädchen mit strampelnden Beinen, flankiert von einer Reihe anatomischer Detailskizzen, fand Verwendung in dem vielfigurigen Meisterwerk Piazza d’Erbe in Verona, das viele kleine Alltagsgeschichten erzählt.

Die Blätter sind in der Regel monogrammiert oder signiert, wobei festzuhalten ist, dass Menzel in seinen Signaturen ausgesprochen variationsfreudig war; hervorzuheben ist deshalb, dass der Neumeister-Experte sich des Urteils der Menzel-Sachverständigen Ursula Riemann-Reyher versichert hat. Es sind also nicht nur Marktfrische und Provenienz, die das Engagement lohnen.

Zum Beispiel für eine elegante angeschnittene Detailstudie eines sitzenden Mannes, die mit rasch und sicher geführtem Zimmermannbleistift zwar nicht signiert, aber bestätigt ist. Und gerade mal mit 1.600 Euro taxiert ist.