In den letzten zwei Jahren habe ich vier Monate in Mexiko-Stadt zugebracht. Meine mexikanischen Freunde hatten sich bitter beklagt, dass wegen des Drogenkrieges keiner mehr käme, dass sie sich verlassen fühlten und dass es doch auch ein ganz anderes Mexiko gäbe als das des narcotráfico.

Tatsächlich, die Sonne scheint wie immer, die Farben glühen, die Menschen sind freundlich wie eh und je. Man hat sich drauf geeinigt, mit aller Kraft keine Angst zu haben und sich zu vergnügen, so gut man kann. Zum Beispiel bei der lucha libre, der mexikanischen Form des Wrestlings, der ich inzwischen verfallen bin. Jeden Sonntag um drei pilgere ich los von meiner Wohnung im dörflichen Stadtteil Coyoacán, um pünktlich gegen fünf in der Stadtmitte, in der Arena Coliseo zu sein. Und jedes Mal wieder erzählt mir der lange Weg, wie kompliziert die Lage ist.

Bei mir um die Ecke, im blauen Haus von Frida Kahlo, langweilen sich die Museumswärter, weil kaum noch Touristen kommen. Alle sind mit Maschinengewehren und schusssicheren Westen ausgestattet. Um ein leeres Museum zu verteidigen? Gleich nebendran spielt vor dem Café Jarocho ein Trio alter Musiker den Klassiker Puño de tierra, ein herzzerreißendes Lied darüber, dass wir alle als Handvoll Staub enden. Im Bus, dem pesero, sitzt zu gellender Mariachi-Punk-Metal-Musik ein 16-Jähriger mit wildem Blick am Steuer, als ginge es auf eine Fahrt durch die Hölle. Steig ein, steig ein, und du wirst was erleben. Die Haushälterin meiner Vermieterin wurde erst kürzlich von Männern mit Macheten im Bus überfallen und schwer verletzt. Aber was soll man machen? Die Bremsen knirschen oder funktionieren gar nicht, die Bässe wummern, alte Mütterchen quälen sich hinein, bildhübsche Teeniegirls mit rosa Handys, verwitterte Haudegen und beladene Hausfrauen, kleine Jungs mit extravaganten Haarschnitten und große mit Goldketten und fetten Gürteln. Die Stimmung ist prima.

Ich steige um in die U-Bahn und damit ins nächste Unterhaltungsprogramm: Fliegende Händler preisen in lautem Singsang ihre oft rätselhaften Produkte an. Einen kleinen Hammer: unheimlich günstig und sehr handlich. Eine DVD über die schrecklichsten Gefängnisse Mexikos. Kaugummi im Fünfziger-Pack. Klitzekleine Taschenlampen und kussechte Lippenstifte. Pornografische Kulis. Die besten Erdnüsse der Welt. Das ultimative Buch über den Drogenkrieg. Das will niemand haben. Der Verkäufer weiß das und hält es deshalb nur müde in die Höhe.

Anfangs habe ich jeden Tag entsetzt die "roten Seiten" der Zeitung angestarrt. Inzwischen habe ich mich akklimatisiert und will wie alle anderen nichts mehr davon sehen und hören. La inseguridad wird der Drogenkrieg genannt, die Unsicherheit. Sie kriecht einem unter die Haut wie der kleine Wurm, den man sich an mexikanischen Stränden einfangen kann und der lange unerkannt in einem lebt, bevor er sich sichtbare Straßen durch die Haut bahnt.

Am Zócalo steige ich aus, dem größten Platz der Welt mit der Kathedrale über dem aztekischen Templo Mayor. Ein Kolonial-Sandwich: Die Spanier haben sich einfach obendrauf gesetzt. Erst vor Kurzem wurde hier das gewaltige Steinrelief der Monstergöttin Tlaltecuhtli ausgegraben, die nachts nach Menschenopfern schreit, und wenn sie keins bekommt, ihre eigenen Eingeweide frisst.

Hinter der Kathedrale steht die Santa Muerte an der Straße, der Heilige Tod, ein lebensgroßes menschliches Skelett im Marienmantel. Von der katholischen Kirche geächtet, wird sie von den kleinen Leuten heiß verehrt, auch von den narcos, den Drogenhändlern. Liebevoll wird sie von den Anwohnern jeden Tag in immer andere hübsche Kleider gesteckt. Nachts findet sie Unterschlupf in einem Unterwäscheladen vor knallbunten Push-up-BHs und Stringtangas. Hier hat sie’s gut, sagt die Verkäuferin.

Ich stolpere, falle der Länge nach hin und humple in den nächsten Laden, der Puppen mit Schnullern verkauft, und die beiden Männer, die den Laden führen, geben mir zwar keinen Schnuller, aber einen Schluck Wasser. Sie lassen mich in ihrem Laden sitzen, so lange ich will, wahrscheinlich könnte ich hier auch einfach wohnen, es wäre kein Problem. Die Dinge werden hingenommen. Mexikanische Tugend und mexikanisches Problem.

In den Straßen hinter der Kathedrale soll es gefährlich sein, aber da ich mir all die gefährlichen Orte und Straßen gar nicht mehr merken kann, ist es mir inzwischen egal. Nachts fahre ich mit dem Fahrrad, was zwar auf andere Art lebensgefährlich ist, aber ich bilde mir ein, sicherer zu sein, weil sich keiner die Mühe machen wird, einem Fahrrad hinterherzulaufen. Frauen am Steuer dürfen neuerdings in bestimmten Zonen bei rot über die Ampel fahren, weil es gefährlicher ist, anzuhalten, als einen Totalschaden zu verursachen. Keiner weiß mehr, wer die Guten und die Bösen sind, deshalb auf zu den luchas libres – dort sind die Rollen klar verteilt, die Guten kämpfen gegen die Bösen, und manchmal gewinnen sie sogar, und die Gewalt ist nur ein Spiel.