Jedes Jahr am 9. November brennt Wolfram Kastner mit einem Gasbrenner ein kreisrundes Loch in den gepflegten Rasen des Münchner Königsplatzes. Damit will er an den Scheiterhaufen vom 10. Mai 1933 erinnern, als Studenten der Münchner Universitäten die "volkszersetzenden" Bücher und Zeitschriften verfemter Schriftsteller und Journalisten verbrannten. Doch die Aktion soll mehr sein als ein bloßes Memento. Der Münchner Künstler will auch ganz buchstäblich verhindern, dass Gras über die NS-Zeit wächst in der einstigen "Hauptstadt der Bewegung" , die sich bis heute schwer damit tut, sich ihrer Geschichte als Brutstätte der Naziideologie und Gründungsort der NSDAP offen zu stellen.

Erst jetzt, fast siebzig Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur, macht München ernst mit Aufklärung und Erinnerung. Unweit des Königsplatzes gähnt schon ein Loch: Hier, an der Brienner Straße, auf dem früheren Gelände des "Braunen Hauses", des Sitzes der NSDAP-Reichsleitung, entsteht bis 2014 das lange geplante "Dokumentations- und Informationszentrum über die NS-Zeit" ; am 9. März wird feierlich der Grundstein gelegt. Ein Lernort, kein klassisches Museum soll der weiße Kubus werden. Warum München? Wie konnte es dazu kommen? Was geht mich das an? Auf diese drei Leitfragen sollen die Besucher Antworten erhalten. Auch die Geschichte des Dokumentationszentrums selbst soll Thema sein.

In der Stadt, die Hitler liebte wie keine andere – ehemalige NS-Prunkbauten wie das Haus der Kunst verraten es –, gibt es nur spärliche Hinweise auf jene Zeit. Man wolle München nicht mit Erinnerungstafeln zupflastern, sagt Kulturreferent Hans-Georg Küppers und verweist auf das stadtgeschichtliche Internetprojekt "Memory Loops" , das 300 "Tonspuren" (Zeitzeugenberichte und andere eingelesene Dokumente) mit einem Online-Stadtplan verknüpft. Die Seite werde häufig angeklickt, berichtet Küppers.

Wie schwer es München fiel, seine Bedeutung für Hitlers Aufstieg anzuerkennen, weiß niemand besser als Klaus Bäumler. Seit Jahrzehnten engagiert sich der frühere Verwaltungsrichter und langjährige Vorsitzende des Bezirksausschusses Maxvorstadt, eines Stadtteilparlamentes, zusammen mit dem Architekturprofessor Wilfried Nerdinger dafür, dass die Erinnerung an die NS-Jahre wachgehalten wird. "Alles original aus der Zeit", sagt Bäumler bei einer Tasse Kaffee in der Cafeteria der Musikhochschule und deutet auf die Holzvertäfelung des Raumes.

Eigentlich ist "Unbefugten" der Zutritt zur Hochschule verboten, doch immer wieder verirren sich Touristen hierher auf der Suche nach Überresten der Nazidiktatur . Wer sich über die Geschichte des Hauses, das einmal "Führerbau" hieß und ein Repräsentationsgebäude des Regimes war, informieren will, muss indes lange suchen. An einem der Treppenaufgänge, über den Hitler und Mussolini 1938 zur Unterzeichnung des Münchner Abkommens schritten, entdeckt man schließlich ein paar Zeilen. Sie sind das Überbleibsel einer von Wolfram Kastner organisierten Kunstaktion über das Schicksal jüdischer Komponisten aus München. Der Saal, in dem das verhängnisvolle Abkommen unterzeichnet wurde, mit dem England und Frankreich Hitler die Tschechoslowakei de facto zur freien Verfügung überließen, ist für Besuchergruppen nur nach telefonischer Anmeldung zugänglich.

Vorangetrieben von lokalen Initiativen, habe die Dokumentation von "Täterorten" bereits Anfang der achtziger Jahre begonnen, sagt Klaus Bäumler. Doch die Bemühungen stießen auf wenig Gegenliebe. 1984 etwa forderte der Bezirksausschuss Maxvorstadt, am Ort des früheren Wittelsbacher Palais wenigstens eine Gedenktafel anzubringen, denn hier befand sich Münchens Gestapo-Hauptquartier, in dessen Gefängnis unter anderem die Geschwister Scholl einsaßen. Mehr als drei Jahre hat es gedauert, bis sich die Bayerische Landesbank , Eigentümerin des Grundstücks, zu dieser kleinen Geste bereit erklärte.

Auch an Georg Elser wollte man in München lange Zeit lieber nicht erinnern. Bäumler hat in einer Tabelle aufgelistet, welcher Schritte es bedurfte, um den "Widerstand gegen den Widerstand" zu überwinden und eine Ausbuchtung der Türkenstraße nach dem Widerstandskämpfer zu benennen – dort, wo sich die Wohnung befand, in der er sein Attentat auf Hitler vorbereitete. 2009 wurde hier, gegen den Protest einiger Anwohner, eine eher unscheinbare Wandskulptur im Stil der Minimal Art installiert. Sie leuchtet jeden Abend einmal kurz auf und erinnert so an jene Minute des 8. November 1939, als im Bürgerbräukeller Elsers Bombe hochging, die Hitler um ein Haar getötet hätte.