Früher hätte sich eine Frau nicht für einen Mann zu duellieren brauchen, aber die Zeiten ändern sich, und nicht alles wird besser. Vor ein paar Tagen wurde ich in meiner Stammkneipe in ein Gespräch mit einem beleibten, angetrunkenen und sehr zornigen Gast verwickelt, der, soweit ich das verstehen konnte, erfolgreich zwei Sonnenstudios betreibt. Ich habe keine Ahnung, was im Leben dieses Mannes alles schiefgelaufen ist, aber alle nur denkbaren Enttäuschungen über Frauen, alle gescheiterten politischen Hoffnungen und zerstobenen Träume seiner Jugend schienen sich in seinem Hass auf eine Person zusammenzuballen: Christian Wulff . Die Tatsache, dass unser demokratischer Staat seinem bisherigen Oberhaupt bis ans Lebensende den sogenannten Ehrensold von 200.000 Euro pro Jahr überweisen will und ihm ein Büro mietet, brachte den aufrechten Steuerzahler fast zur Raserei. Und als ich Einwände erhob, trug mir das beinahe Prügel ein. Hätten nicht Freunde interveniert, ich hätte mich wohl mit diesem Wutbürger schlagen müssen.

Was mich erschreckt: Der Mann ist repräsentativ. Wenn die Rede auf Wulffs Versorgung kommt, zischen die Bildungsbürger in Potsdam , es pöbeln die Rentner in Westfalen, und in Stuttgart eskalieren Elternversammlungen. Woher kommt so viel Rachsucht?

Sie speist sich, erstens, aus einer allgemeinen Politikverachtung, die eigentlich gar keinem demokratisch gewählten Repräsentanten mehr zugesteht, dass seine Bemühungen irgendetwas wert sein könnten.

Sie zeigt, zweitens, dass eine große Mehrheit den altmodischen Begriff der Ehre nicht mehr versteht. Diese Mehrheit begreift nicht, dass persönlicher Ehrverlust, Gesichtsverlust und Schande eine viel schlimmere Strafe sein können als Armut oder Gefängnis. Christian Wulff – von keinem Gericht verurteilt – hat schon die Höchststrafe.

Drittens geht es überhaupt nicht um Lohn und Rente, nicht darum, was dieser Bundespräsident in seiner kurzen Amtszeit "verdient" oder "geleistet" hat. Es geht vielmehr um unsere Ehre, um die Ehre einer demokratischen Gesellschaft, die ihr gewähltes Staatsoberhaupt auch als ehemaliges, ja sogar als entehrtes Staatsoberhaupt mit Würde behandelt. Viel war die Rede davon, dass Wulff sein Amt nicht beschädigen dürfe – deshalb musste er zurücktreten. Sollen wir dieses Amt jetzt durch unwürdige Rache zertrümmern? Christian Wulff war nie mein Präsident, aber er war Präsident. Ehrenwerte Mitbürger und Zechkumpane: Wir sollten uns nicht hässlich machen.