Nun kehrt also Wladimir Putin in den Kreml zurück , doch er wird dieses Mal ein anderes Russland vorfinden als während seiner ersten Amtszeit als Präsident. Wird Putin in den nächsten sechs Jahren auf dieses veränderte Land reagieren und Antworten auf die großen Herausforderungen geben können?

Im Wahlkampf verwunderte Putin durch sein Versprechen, ein starkes Militär zu schaffen, eines, das gleichermaßen zu Russlands Machtanspruch und zu seinem Gefühl von Bedrohung passt. Aber passt es auch zu seiner wahren Bedeutung? Russland hält sich immer noch für eine Weltmacht. Doch glauben der neue alte Präsident und einige seiner europäischen Partner vielleicht nur aus der Macht der Gewohnheit, ohne Russland gehe nichts?

Es ist richtig, dass das russische Militär dringend erneuert werden muss. Die eine Million Soldaten ist mit Gerät ausgestattet, das mittlerweile Schrottreife erreicht hat. Doch nur wenige Tage vor der Wahl die Anschaffung von 400 Interkontinentalraketen, 600 Kampfflugzeugen, über 2000 Panzern und 20 U-Booten zu versprechen – damit könnte heute kein Politiker in einem europäischen Wahlkampf seine Wähler ködern, sondern allenfalls verschrecken: Aus der Sicht eines Polen , eines Spaniers oder eines Deutschen wäre es der nackte Wahnsinn, in Zeiten von Finanzkrisen, wirtschaftlichen Turbulenzen und sozialen Engpässen ausgerechnet mit Rüstungsinvestitionen zu werben.

In Russland dagegen lockt das Versprechen immer noch, auch wenn das Militär bei Weitem nicht das Einzige ist, was dringend einer Erneuerung bedarf: Die föderale Ordnung braucht sie, denn die Haushalte korrupter kaukasischer Republiken werden fast vollständig aus den Moskauer Kassen bezahlt; das Rentensystem braucht sie, jetzt schon wird es von einer geburtenstarken Generation überlaufen, für die der Ausstieg aus dem Arbeitsleben den Einstieg in die Armut bedeuten wird; die Wirtschaft braucht sie, sie leidet unter gewaltiger Korruption, überbordender Bürokratie und geringen Auslandsinvestitionen; die bestechliche und überforderte Justiz braucht sie; das Gesundheitswesen und die Bevölkerungspolitik, weil die Geburtenrate sinkt und die Männer im Durchschnitt mit kaum 60 Jahren sterben – kurzum: Die ganze Gesellschaft braucht eine Erneuerung, und viele in dieser Gesellschaft spüren das deutlich. Deshalb gehen seit Dezember Hunderttausende protestieren. Aber sie sind jung, urban und noch eine Minderheit. Selbst wenn die Wahlen am 4. März in Teilen gefälscht worden sind – wahrscheinlich hätte Wladimir Putin Manipulationen nicht gebraucht, um sie, obgleich mit einem weniger strahlenden Ergebnis, zu gewinnen. Doch die Stimmung kann schnell kippen.

Als Putin vor zwölf Jahren Boris Jelzin nachfolgte, stabilisierte er Russlands Wirtschaft nach einer Ära des Bankrotts in den neunziger Jahren. Allein sein Verdienst war das jedoch nicht – anders als in den Jelzin-Jahren stieg der Ölpreis um die Jahrtausendwende deutlich. Doch Putin versagte darin, den märchenhaften Energiereichtum Russlands durch kluge Investitionen zu mehren und das Land zu modernisieren: Noch heute sind Rohstoffe das Einzige, was Russland als Handelspartner attraktiv macht. Putin schaffte es auch nicht, nach außen eine Politik der Angebote statt der Drohungen zu formulieren. "Unsere Politiker sagen oft, dass überall Feinde sind. Wir haben die Außenpolitik eines Staates, der nicht mehr existiert: der Sowjetunion . Wir kämpfen immer noch gegen jemanden. Wir müssen aber keine Feinde suchen, sondern Freunde", hat der Oligarch Michail Prochorow bemerkt, der Putin bei diesen Wahlen herausgefordert hat.

Es bleiben die Atombomben und der Sitz im UN-Sicherheitsrat

Das Russland, das Putin jetzt regieren wird, ist eines, in dem seit drei Jahren die Reichen ihr Kapital ins Ausland bringen und wo der Wunsch, dauerhaft auszuwandern, stetig wächst und mittlerweile fast ein Viertel der Gesellschaft erfasst hat. Es ist ein Russland, in dem sich langsam eine Mittelschicht etabliert, die demokratische Reformen und ein Ende des korrupten Staatskapitalismus fordert, eines, in dem Putin in den kommenden Jahren mit sozialen Ansprüchen von Rentnern, Arbeitslosen und Provinzbewohnern jonglieren muss, die oft unterhalb der Armutsgrenze leben. Russlands innere Schwäche, begründet in der politischen Konzeptlosigkeit, spiegelt sich inzwischen in seiner äußeren: Es geht auch ohne Russland.

Zwar hat Russland neben seinem schwankenden Energiereichtum zwei gewichtige Argumente, um sich weiterhin für eine Weltmacht zu halten. Es besitzt nach Daten des sicherheitspolitischen SIPRI-Instituts noch immer mehr Nuklearwaffen als China , Indien oder selbst die USA . Und es hat neben China, Großbritannien, den USA und Frankreich einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat und damit eine potenzielle Blockadeposition in der Weltdiplomatie .