Die Reformen von New Labour und von Rot-Grün sollten den Menschen – bekanntlich ja nicht nur den lahmen Beamten, sondern auch den gelähmten Bürger – zur Selbstverantwortung und Eigeninitiative befreien, haben ihn aber tatsächlich nur der sektenhaften Erlösungsreligion einer neuen Sorte von Wanderpredigern unterworfen: der Unternehmensberater. Es ist schade, dass Bartmann, der doch die Übernahme einer hysterischen Managementmode in die öffentliche Verwaltung so streng karikiert, der Figur des Unternehmensberaters kein eigenes Porträt gewidmet hat. Tatsächlich hat diese satanische Schmutzgestalt der Spätmoderne wahrscheinlich mehr für die Zerstörung von Anstand und Sitte, von Tradition und Gewissen getan als jede Strukturkrise. Die Unternehmensberater haben das Virus der Krankheit verbreitet, an deren Ende Universitäten nicht mehr nach der Leistung für die Wissenschaft, Kliniken nicht mehr nach der Gesundheit der Patienten, Armeen nicht nach ihrer Wehrfähigkeit und Theater nicht nach ihrer Kunst beurteilt werden, sondern alle zusammen nur nach ihrer ökonomischen Effizienz, nach Einnahmen-Ausgaben-Rechnung und bestenfalls nach dem Erfolg ihrer Reklameanstrengung in eigener Sache.

Das Buch kann sich, was vielleicht auch eine Stärke ist, nicht recht entscheiden zwischen der Kritik und gelegentlich satirisch überschäumenden Freude am Management-Unfug und dem sachlich-geduldigen Nachzeichnen des Weges, der die zeitgenössische Verwaltung aus graumäusiger Unbestechlichkeit in die grellbunte Schaubude der Marktschreier geführt hat. Es gibt nur einen Punkt, den der Autor allerdings sehr ernst nimmt und auf eine düstere Zukunft hochrechnet: Das ist die scheinheilige Rückführung aller Entscheidungsrisiken auf die Eigenverantwortung des Individuums. Der Mitarbeiter, aus der Befehlskette der Hierarchie entlassen und als kreativer Problemlöser angesprochen, taugt auch als Sündenbock für unlösbare Aufgabenstellungen. Die Kehrseite seiner neuen Selbstständigkeit ist die Schutzlosigkeit.

Die Umstellung des Mitarbeiters von Befehlsempfang auf Selbststeuerung verlangt die Identifikation mit den Unternehmenszielen. Es ist nicht mehr erlaubt, Aufgaben bloß gewissenhaft zu erfüllen – und im Übrigen an ihren Sinn nicht zu glauben. Objektive Leistung wird abhängig von subjektiver Gesinnung, die deshalb ebenfalls auf den Prüfstand des Unternehmens kommt. Darin liegt ein kaum noch versteckter totalitärer Zug der Managementmethoden: Die Institution greift nach der Seele des Mitarbeiters. Daher die sektenhaften Schulungsmethoden und ihre mantraähnlichen Beschwörungen, die an Exerzitien, wenn nicht an Gehirnwäsche erinnern.

Daher aber auch das Verschwimmen von Berufs- und Privatleben. Wo das Individuum in seiner Ganzheit einschließlich seiner innerseelischen Prozesse angesprochen wird, gibt es keinen Feierabend. Darum, und nicht nur weil der Computer es möglich macht, kann der Arbeitsplatz leicht ins private Heim verlegt werden. Das Smartphone bleibt auch im übertragenen Sinn immer eingeschaltet. Die Firma ist das Leben, das Leben die Firma, und je treusorgender sie sich um familiäre Belange kümmert, desto unauflöslicher wird die Symbiose, in der das sich abgrenzende alteuropäische Individuum für immer untergeht. Der motivierte Mitarbeiter von heute wird seine Kreativität wirklich nur noch in Auftragsakquise, nicht mehr in Dichtung stecken.

Das ist durchaus im Sinne der Arbeitgeber, vielleicht auch im Sinne mancher Menschen, die sich die Frage nach dem Lebenssinn gerne abnehmen lassen (das Unternehmen, die Marke, das Umsatzziel), aber gewiss nicht im Sinne der Gesellschaft im Ganzen, ihrer Politik und Kultur, die den freien Bürger braucht. Der gehirngewaschene Lakai eines Unternehmens taugt nicht zum Souverän einer Demokratie. Das ist der Grund, warum Christoph Bartmann die "schöne neue Welt der Angestellten" (so der Untertitel) mit verständlichem Alarmismus schildert.

Kaffee und Computer, Kollegen und Kantine. "Weil uns das Büro gestattet, Mensch zu sein, hören wir auch in unserer Freizeit nicht auf, im Büro zu sein." Die Trennung von Amt und Person, eine der große Zivilisationsleistungen der Vergangenheit, die dem Individuum die innere Freiheit von seiner sichtbaren Stellung schenkte, die ihm erlaubte, sich zu maskieren und zu verstecken, ist an ihr Ende gekommen. Der moderne Büromensch kennt keine Masken mehr; er ist schutzlos und nackt.