Als Andrea Seebacher aus dem Stegreif eine Geschichte erzählen soll und dabei auch noch von einem Theaterregisseur angefeuert wird, muss sie all ihren Mut zusammennehmen. Mehr Körpersprache will er sehen, der Regisseur, und sie soll mit ihrer Erzählung spontan auf die Begriffe reagieren, die ihr hingeworfen werden. Seebacher schwitzt und hat doch ihren Spaß.

Die 46-Jährige nimmt teil an einem MBA-Programm, das sich Creative Process Leadership nennt. Seit vergangenem Jahr bietet das die LIMAK Austrian Business School der Johannes Kepler Universität Linz an, gemeinsam mit der Linzer Kunstuniversität . Das berufsbegleitende Programm besteht aus drei Bausteinen mit zwei MBA-typischen Bezeichnungen und einer, die man anderswo in der Managerausbildung meist vergeblich sucht: Management, Leadership – und Kreativität. "Das rein analytische Denken in der Betriebswirtschaft genügt heute nicht mehr", sagt Michael Shamiyeh, akademischer Leiter des Studiengangs. Hätte Red Bull vor der Einführung des klebrig-süßen Kultdrinks eine Kundenbefragung gemacht, wäre das Produkt niemals auf den Markt gekommen, glaubt Shamiyeh, der auch das Zentrum für Design, Organisation und Medien (DOM) an der Kunstuniversität Linz leitet. Die Frage sei daher, wie man Zukunft antizipieren und daraus ein Geschäftsmodell gestalten könne. Dazu braucht man Kreativität.

Wie in Linz entdecken auch anderswo MBA-Studenten zu diesem Zweck die Kunst. Sie proben Theaterstücke, drehen Videoclips, bauen Skulpturen oder schauen Jazzbands beim Improvisieren zu. Häufig werden sie dabei von Regisseuren, Schauspielern, Malern, Musikern oder Architekten unterrichtet, von denen jeder seine eigenen Ansätze und Ideen mitbringt.

"Kunst inspiriert die Manager, die Dinge einmal anders zu sehen"

"Nicht lineares Denken und Kreativität lassen sich schlecht in den traditionellen Managementfächern wie Bilanzierung entwickeln", sagt David Bach, Associate Dean der MBA-Programme an der spanischen IE Business School in Madrid . Daher hat die spanische Business School im vergangenen Jahr erstmals ein Programm mit der amerikanischen Brown University gestartet, das sich dem Schwerpunkt Liberal Arts verschrieben hat.

Bei dem vor allem in den USA verbreiteten Ansatz studiert man gleichzeitig verschiedene – teils exotische – Fächer und soll so lernen, die Dinge konsequent kritisch zu hinterfragen. Unabhängig vom Fachwissen. Eigentlich ein Unding, dass dies im Bereich von Managementstudiengängen etwas Neues ist. Die Folgen der bislang häufig so einseitigen Ausbildung waren unter anderem in den Fehlentscheidungen vieler Wirtschaftslenker in der Finanzkrise zu beobachten.

Mittlerweile aber besteht zum Beispiel in Madrid ein Drittel des neuen berufsbegleitenden MBA-Programms für erfahrene Manager aus Fächern wie Philosophie, Anthropologie oder eben Kunst. In einem Workshop mit zwei Kunstprofessoren müssen die Studenten in Teams überlegen, wie sie aus ganz normalen weißen Papierbögen etwas völlig Neues schaffen können. "Sie setzen sich mit einem bekannten Material auseinander und sehen dies plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive", sagt David Bach. So bastelte ein Team einen Fallschirm, ein anderes ein Ballkleid mit pompösem Hut. In einem anderen Workshop arbeiten sie mit Schrott, um zu erkennen, dass Neues eigentlich immer auch aus Altem besteht. Bei den Teilnehmern, die im Schnitt 37 Jahre alt sind und 14 Jahre Berufserfahrung haben, komme das Programm gut an, so Bach.

Auch an der Sauder School of Business in Vancouver gehört Kreativität im 16-monatigen Vollzeit-MBA jetzt erstmals zum Pflichtfach. "Erfolgreiche Unternehmen müssen Probleme klar erkennen und bisher unbekannte Lösungen finden", sagt Marketingprofessor Darren Dahl.