Die Fachwelt rätselt: Sollte Schlecker umbenannt werden und unter neuem Namen weitermachen? Nach so vielen Skandalen und der Pleite ? Ja, sagen die einen. Der Name sei verbrannt. Nein, behaupten die anderen. Schlecker kenne fast jeder – nicht nur wegen der üblen Geschichten.

Die allerdings gibt es zuhauf. Berichte über gemobbte Betriebsräte, ausspionierte Mitarbeiter, dubiose Praktiken mit Leiharbeit prägen bis heute das Image des Unternehmers. Schlecker mutierte über die Jahre zum Bösewicht des Einzelhandels . Doch inzwischen verwischt das Bild vom Unternehmer, der immer nur fies war.

Anton Schlecker gab sich nie sonderlich Mühe, seine Entscheidungen zu erklären. So gingen positive Nachrichten unter, beispielsweise dass er seit Jahren Tariflöhne zahlte, was im Einzelhandel nicht selbstverständlich ist.

Seinen Ruf als erbarmungsloser Unternehmer hat Anton Schlecker zum Teil auch selbst genährt. Persönliche Begegnungen mit ihm waren und sind eine Rarität, nur wenige Journalisten haben ihn je getroffen. Für diese Zeitung machte Schlecker im Jahr 2005 eine Ausnahme, bat zum Gespräch in die Firmenzentrale in der Schwäbischen Alb.

Die Fassade des achtstöckigen Gebäudes war verspiegelt, sodass man von außen nicht hineinsehen konnte. Ganz oben hatte Anton Schlecker sein Büro und einen persönlichen Konferenzraum. Der Patriarch, zu diesem Zeitpunkt 60 Jahre alt, war ganz in Schwarz gekleidet. Mit den Vorwürfen, die gegen ihn erhoben würden, könne und müsse er leben, sagte er.

Schlecker, das wurde in jenem Gespräch deutlich, betrachtete das Unternehmen als sein Reich, in dem allein er und seine Geschäftsleiter sagen durften, wo es langgeht. Von Mitbestimmung und anderen Errungenschaften des deutschen Arbeitsrechts hielt er wenig. Mit Gewerkschaften müsse man leben, sagte er. Betriebsräte erklärte er zum Kostenfaktor – sie seien eine Nebenregierung, mit der man über jede Kleinigkeit verhandeln müsse. Und dann sei da noch die Sache mit den Diebstählen: Nicht nur Kunden seien Ladendiebe, auch die eigenen Leute langten Schlecker zufolge zu – was ihn ein bis zwei Prozent des Jahresumsatzes koste. Und wenn man dem nicht "mit Nachdruck" begegne, erreiche man gar nichts.

Schlecker sah es immer am liebsten, wenn man ihn in seiner Welt nicht störte. Selbst die Einrichtung seines Büros wirkte wie ein Kokon: Dicker, hellgrüner Teppichboden dämpfte jedes Geräusch, Wände und Decke waren mit dunkelbraunem Holz vertäfelt, die Vorhänge zugezogen. Anton Schlecker liebte es blickdicht, in alle Richtungen. Man konnte von außen nicht hineinschauen. Aber von innen auch nicht nach draußen.

Außerdem waren es Erfahrungen wie die von Inge Schmidt*, die Schleckers Ruf lädierten. Sie hat zwei Kinder und arbeitet seit 1995 im Unternehmen. Ihr gesetzlich garantiertes Recht auf Teilzeit konnte sie nur mithilfe einer einstweiligen Verfügung des Arbeitsgerichts durchsetzen. Und obwohl sie zuvor nie ein Wort der Kritik gehört hatte, wurde sie plötzlich mit Abmahnungen überzogen. Schließlich engagierte sie sich für die Wahl eines Betriebsrates – prompt wurde ihr gekündigt. Das war vor vier Jahren. Inge Schmidt wehrte sich, zog vor Gericht und arbeitet noch immer bei Schlecker. Heute sagt sie: "Das ist Vergangenheit." Jetzt gehe es um die Zukunft.

Schlecker stellte auch Alleinerziehende mit sechs Kindern ein

Bei Schlecker arbeiten fast nur weibliche Angestellte. Man nennt sie die Schlecker-Frauen, weil sie untereinander so solidarisch sind. Trotzdem wissen sie sehr unterschiedliche Geschichten zu erzählen. Manche davon zeigen einen Mann, der plötzlich nicht mehr ins alte Bild passen will.

Ruth Schulte* ist alleinerziehende Mutter. Als sie vor einigen Jahren eine neue Arbeit suchte, schien ihre Situation aussichtslos: "Mit sechs Kindern hat man so gut wie keine Chance", sagt sie. "Aber Schlecker hat mich genommen." Sie arbeitet noch immer als Verkäuferin in einer kleineren Filiale an der Peripherie einer Großstadt. Nach wie vor ist sie gern dort, was auch an den zufriedenen Kunden liegt. Viele seien froh, manche sogar dankbar dafür, dass sie sich den weiten Weg zum Supermarkt ersparen könnten.

Kundennähe war immer ein erklärtes Prinzip von Anton Schlecker und seiner Frau Christa. Sie eröffneten ihre Läden auch in abgelegenen Stadtteilen, ja, sogar in kleineren Orten und auf dem Land. Dort blieben sie auch dann noch präsent, wenn Arzt, Post und Bank längst abgezogen waren.