Nach und nach entdecken auch Medien das Thema – weniger in Indien allerdings als im Ausland. Sogar die amerikanische Talkshowkönigin Oprah Winfrey war im Januar mit einem zehnköpfigen Fernsehteam bis nach Mitternacht in Khuranas Wohnung in Delhi. So erlaubt ihre Klage der Welt nun Einblicke in eine Schreckenswelt des Geschlechtermords, die nicht aus Not und Armut entsteht – sondern mitten in den Wachstumszentren der Weltwirtschaft, in großen Städten Chinas und Indiens. Die Verantwortlichen entstammen in aller Regel den neuen Mittelschichten, die sich an der Globalisierung bereichern. Die Motive sind materialistisch. Man will eine moderne, dreiköpfige Kleinfamilie. Mit Sohn, weil sich das besser rechnet.

"Die Motive für den Mord an der ungeborenen Tochter entstammen einer sehr zeitgemäßen Einstellung – man will große Hochzeiten, große Geschenke und einen stolzen Sohn, aber keine wirtschaftlich unnütze Tochter", sagt Shanta Sinha, Vorsitzende der Nationalen Kommission für Kinderrechte in Indien. "Es geht um eine Brutalisierung der individuellen Einstellung zum menschlichen Leben, wie sie erst die Modernisierung hervorbringen konnte." Die Mädchentötung – auch als "Genderzid" oder "Femizid" bezeichnet – sei kein grausames, patriarchalisches Kulturerbe, sondern eine Folge des Sittenverfalls in einer Konsumgesellschaft. Das menschenverachtende Denken hat sich in den guten Stuben eingerichtet. Zum Beispiel in der betuchten Arztfamilie von Khuranas Ehemann.

Allein in Indien und China kamen 85 Millionen Mädchen nicht zur Welt

Der Demografieexperte Christopher Guilmoto vom Pariser Forschungsinstitut für Entwicklung (IRD) hat ausgerechnet, dass selektive Abtreibungen und Kindesmorde allein in Asien 117 Millionen Frauenleben gekostet hätten. Ein UN-Bericht aus dem Jahr 2010 macht allein China und Indien für 85 Millionen verhinderte Frauenleben verantwortlich, mitten im dortigen Wirtschaftsboom. Indische und chinesische Forscher räumen, nachdem sie lange geschwiegen haben, diese Entwicklung mittlerweile selbst ein. Die Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften ließ errechnen, dass im Jahr 2020 in China 30 bis 40 Millionen Frauen im Alter von 10 bis 29 Jahren fehlen würden. Indische Forscher entnahmen den Volkszählungen der letzten 20 Jahre, dass in Indien bis zu zwölf Millionen ungeborene Mädchen zwischen 1991 und 2011 durch selektive Abtreibung getötet wurden.

Dieses Wissen aber führte bisher weder in China und Indien noch im Westen zu einem Aufschrei. "Über unsere Mädchen fegt ein tödlicher Tsunami, wir erleben einen ethischen Zusammenbruch unserer Gesellschaft, aber niemand regt sich auf", sagt die Kommissionsvorsitzende Sinha. Sie verlangt deshalb mehr Kritik, auch internationale.

Als Folge droht nach Ansicht einiger Experten noch in diesem Jahrhundert das größte Geschlechterungleichgewicht der Menschheitsgeschichte. Demografieforscher Christopher Guilmoto spricht von einer alarmierenden Maskulinisierung der Welt. Weil es damit langfristig an Frauenarbeitskraft fehlen wird, sieht die Ökonomin Jayati Ghosh von der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi das Wachstum in den dynamischsten Volkswirtschaften der Welt in Asien bedroht. Soziologen sehen im Frauenmangel gar eine zukünftige Ursache für soziale Gewalt und Krieg – Männerplus und Kapitalakkumulation könnten eine verstärkte Militarisierung zur Folge haben.

Früher dachte man, dass wirtschaftlicher Fortschritt und umfassendere Bildung den Gesellschaften die Gewalt austreiben würden. Man führte alte, patriarchalische Gesellschaften wie die in Südchina oder Nordindien als Beispiele für die Unterdrückung von Frauen und Töchtern an. Westliche Medien berichteten von der Gewalt gegen Frauen als exotische Exzesse. Gewalt, diesen Eindruck gewinnt man dann, verübten immer die anderen. Doch diese Gewalt findet in der Mitte der asiatischen Gesellschaft statt. Sie schreitet mit der Modernisierung voran. In China ist der Frauenanteil in den vergangenen 20 Jahren flächendeckend und vor allem auch in den prosperierenden Küstenregionen dramatisch zurückgegangen. Ein Hauptgrund dafür ist die offiziell immer noch gültige Ein-Kind-Politik . In Indien läuft die gleiche Entwicklung um zehn Jahre zeitversetzt. Seit der Jahrtausendwende breitet sich der Frauenschwund im reichen Süden, in den großen Städten und sogar im liberalen Kerala aus. Für die Ökonomin Ghosh verstärkt dabei der hohe Anteil von unterbezahlten Heimarbeiterinnen in Indien die Verachtung des weiblichen Geschlechts. Sie nähen, ziehen Schnürbänder in Schuhe oder drehen Zigaretten, aber finden als Brotverdiener keine gesellschaftliche Anerkennung.

Ausgerechnet das moderne, schnell wachsende Delhi ist eine Hochburg der Tötung ungeborener Mädchen. Hier wurden zuletzt nur noch 860 Mädchen pro 1.000 Jungen geboren.

Niemand in der Hauptstadt will darüber reden. Gynäkologen, Sozialarbeiter, Gesundheitsbeamte und Frauengruppen – alle sagen Gespräche ab. Zwei Wochen lang suchen Khurana und ihre NGO fieberhaft nach Gesprächspartnern für die ZEIT. Dann findet sich in der Delhier Vorstadt Bhalswa Dairy die 80-jährige Hebamme Sumitra Arora. Ihr kleines pinkfarbenes Ziegelhaus liegt genau zwischen einer achtspurigen Ausfallstraße und einem der größten Müllberge Delhis. "Früher war hier ein großes Loch für den Müll", sagt Arora. Sie meint das nicht ironisch. Denn ihre Nachbarn leben fast alle von der Müllverarbeitung, und zwar nicht schlecht. Früher hatten sie Lehmhütten, heute bunte Ziegelhäuser, in denen Kühlschränke und Fernseher laufen. Früher bekamen sie ihre Kinder mit Aroras Hilfe zu Hause, heute gehen die Frauen zur Geburt ins Krankenhaus. "Ich selbst schicke sie heute dorthin", sagt Arora.