Seit 1969 taucht bei jeder Wahl eines Bundespräsidenten die Frage auf, ob es sich dabei um "ein Stück Machtwechsel" handele. So hatte der Liberale Gustav Heinemann damals seine Wahl interpretiert – und recht gehabt: Ein halbes Jahr später übernahm die sozial-liberale Koalition, die ihn gewählt hatte, die Bundesregierung . Willy Brandt wurde Kanzler, die FDP wechselte ins linke Lager. Etwas Ähnliches hat es nach einer Präsidentenwahl seither nicht gegeben. Nur das Ritual ist geblieben: Jeder neue Präsident ist Anlass, über die künftige Machtkonstellation im Bundestag zu spekulieren.

Die Kür von Joachim Gauck zum Präsidenten ist da keine Ausnahme, schließlich war er nicht Wunschkandidat der schwarz-gelben Koalition – er wurde von SPD , FDP und Grünen durchgesetzt. Was heißt das also für die nächste Bundestagswahl, wer könnte dann mit wem? Welche Farbkombinationen sind möglich? Und welche realistisch?

1969, mit CDU / CSU , SPD und FDP, war das noch überschaubar. 2013 könnten dagegen sechs Fraktionen im Parlament sitzen, neben Union, SPD und Grünen auch Linke, Piraten und die FDP. Weder Linke noch Piraten drängen in die nächste Koalition. In der SPD hat sich die Linie durchgesetzt, die Linke in der Opposition verhungern oder besser: an sich selbst irre werden zu lassen. Den Piraten wird nach dem Einzug in das Berliner Abgeordnetenhaus auch ein Erfolg im Bund zugetraut . Dass sie bisher noch keine erkennbare Führungsfiguren haben, schmälert ihre Aussichten nicht. Für den Einzug ins Parlament wird es reichen, zum Regieren eher nicht. Auf der Kippe steht dagegen die FDP. Nur mit Glück, einem neuerlichen Führungswechsel und ihren Traditionswählern könnte sie es schaffen.

Die kleinen Koalitionen verfehlen wohl das Ziel

Damit es in einem Sechs-Fraktionen-Parlament für die klassische "kleine" Lager-Koalition, (Schwarz-Gelb oder Rot-Grün) reicht, müsste diese mehr Stimmen haben als die anderen vier Parteien zusammen. Laut heutigen Umfragen verfehlen beide diese Ziellinie. Dennoch werden die potenziellen Partner, sobald die Umfragen auch nur den Hauch einer Chance versprechen, mit der Lageroption werben. Dabei wird sich die Kanzlerin nicht auf Gedeih und Verderb an einen Partner binden, der um den Wiedereinzug fürchten muss und auch dann kaum als Mehrheitsbeschaffer ausreicht.

Für Rot-Grün sieht es nicht besser aus. Als die Grünen in Umfragen nach dem Nuklear-GAU von Fukushima über 20 Prozent lagen, schien eine Koalition greifbar. Inzwischen kommen SPD und Grüne auf knapp 40 Prozent. Damit lässt sich 2013 für den rot-grünen Regierungswechsel werben, ohne dass es peinlich wird. Er wäre nicht völlig ausgeschlossen. Und auch die Kanzlerin wird ihre schwarz-gelbe Koalition nicht schon im Wahlkampf aufkündigen. Aber gerade weil die vermeintlichen Wunschoptionen so vage bleiben, wird sich das Interesse früh auf die arithmetisch machbaren und politisch halbwegs realistischen Alternativen richten. Die Große Koalition, Schwarz-Grün und die Ampel.

Der Kanzlerin dürfte nach ihrer Erfahrung mit den Liberalen der Koalitionswechsel nicht allzu schwer fallen. Wenn die europäische Krise weiter schwelt oder die deutsche Ökonomie schwächelt, wäre eine Neuauflage der Großen Koalition naheliegend. Das gilt auch für die SPD, deren krisenpolitische Vorstellungen von denen Merkels nicht allzu sehr abweichen. Die Alternative wäre die Ampel, die sich mit Joachim Gauck durchgesetzt hat. Sicher, die SPD käme über die Ampel ins Kanzleramt. Aber dass Rot-Grün mit einem Partner zurechtkommen könnte, den selbst die Schwarzen nicht in eine vernünftige Koalition integrieren konnten, ist unrealistisch.

Töpfer war Merkels Signal an die Grünen

Die wechselseitigen Aversionen jedenfalls sind nicht kleiner geworden. Die grüne Basis erzwang schon im Wahlkampf 2009, dass die Ampel – anders als Schwarz-Grün – definitiv ausgeschlossen wurde. Und auch aus Sicht der FDP wäre die Ampel Leichtsinn. Eine FDP, nach einer desaströsen Regierungsphase am Exitus vorbeigeschrammt, soll die Operation Lagerwechsel in Angriff nehmen? Schwer vorstellbar.

Naheliegender wäre für die SPD die zweite Juniorpartnerschaft unter Merkel. Es sei denn, die Kanzlerin würde mit Schwarz-Grün etwas Neues riskieren. Dass es zahlenmäßig reichen könnte, zeigen die Umfragen erst seit einiger Zeit an. Politisch ist das weniger klar. Die Union tendiert eher zu einer berechenbaren Koalition mit der SPD. Nur die Kanzlerin selbst könnte den Ausschlag für die Alternative geben. Immerhin hatte Merkel im Präsidentenpoker mit ihrem Favoriten Klaus Töpfer ein ziemlich schwarz-grünes Signal gesetzt.

Doch bei den Grünen scheint die Bereitschaft zu Schwarz-Grün in dem Maße abzunehmen, wie Merkel die kontroversen Themen – allen voran den Atomstreit – abgeräumt hat. Die Grünen brauchten eine machtentschlossene Führung , um sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

Die Pointe von 1969 war übrigens nicht, dass der neue Präsident den Machtwechsel verkörperte. Die Pointe lag darin, dass der angekündigte Machtwechsel, als er eintrat, die Union, ja sogar Teile der SPD, völlig unvorbereitet traf. Selbst dort, wo alles klar scheint, ist manchmal Platz für Überraschungen.