Zwei Konchylien, Spiralhöhlen zweier längst verschiedener Weichtiere: Conus imperialis, die Kaiserliche Kegelschnecke aus dem Indopazifik, eine Räuberin, die ihre Beute mit Giftpfeilen erlegt, und Strombus luhuanus, die Erdbeer-Fechterschnecke aus dem Westpazifik, ein algenraspelndes Geschöpf, das sich mit dem schmalen, spitzen Horndeckel seines Gehäuses wie mit einem Degen gegen Räuber zu verteidigen vermag.

Die harte Schale der Weichtiere ist das Werk ihres Mantels, einer Hautfalte, die den spiralig aufgerollten Eingeweidesack umhüllt. Die drüsenreiche Mantelhaut scheidet vor allem aus ihrem fleischig verdickten Rand ein Sekret aus Muscheleiweiß und Kalksalzen aus. Im Ausgeschiedenen trennt sich das Mineralische vom Organischen. Aus dem Eiweiß Conchin bildet sich die fingernagelartige Schutzhaut der Konchylie, das Periostracum. Die Unterseite dieses Häutchens wirkt als Kathode, an der sich die Kalksalze der darunterliegenden Schalenschicht anlagern. In dieser Prismenschicht dient das Conchin als Bindemittel, das die zu Aragonitkristallen ausgeblühten Kalksalze zusammenhält. Durch das Aus- und Einstülpen der Schnecke wird das Gefüge während der Kristallisation gegen das gewölbte Periostracum gepresst und gleichsam ausgewalzt. So entsteht aus dem feinen Gitterwerk sich überkreuzender Kristallstäbe ein überaus festes Schalengewölbe, für dessen Auskleidung mit einer Vielzahl hauchdünner Schichten eiweißgebundenen Aragonits die ganze Mantelfläche sorgt. Spiralwindung für Spiralwindung und Schicht für Schicht erschafft die Molluske im Rhythmus des Wachstums ihres Zaubermantels ein herrliches Höhlenhaus.

Tritt die Kaiserliche Kegelschnecke mit ihrem Bauchfuß aus dem Schlupfschlitz hervor, um im Seegras verborgen oder im Sand eingegraben auf Beute zu lauern, trägt sie ihre Schale wie eine umgekippte Tiara auf dem Rücken, sodass sie ihr Werk mit der Geheimschrift aus farbigen Rändern, Streifen und Punkten mit ihren am Fühlergrund sitzenden Augen niemals sieht. Der Fechterschnecke ist mehr Umsicht gegeben. Eine Einbuchtung im Schalenrand ermöglicht ihr, mit ihren langen Stielaugen zu erkunden, ob sie sich aus der geschlossenen Höhle wagen kann. Ausgeschlüpft könnte sie sich sogar auf den Rücken schauen, käme ihr diese Verwegenheit in einer von Feinden wimmelnden Welt je in den Sinn.

Um die Schönheit der Schalen darzustellen, hat Ulrich Moritz die vor ihm liegenden Gehäuse wie aus der Schwebe ins Auge gefasst. In ihren Anblick versunken, wurde er nicht gewahr, dass er zeichnend in einer Anverwandlung an das Weichtier die Entstehung der Schale aus dem Mantel nachahmte. Seine der Gehäuseform folgenden zarten Farbschraffuren entsprechen dem gewölbten Gitterwerk sich kreuzender Kristallstäbe. Schicht auf Schicht sind sie so hauchdünn übereinandergelegt wie die Aragonitschichten im Inneren der Schalen. Niemand hat je mit der scharfen Spitze härtester Buntstifte, die für technische Zeichnungen gedacht sind, so augentäuschende Wirkungen hervorgebracht, die uns die Worte von Paul Valéry in Erinnerung rufen:

»Vielleicht ist das, was wir Vollkommenheit in der Kunst nennen (nach der nicht alle streben und die so mancher missachtet), nichts anderes als das Gefühl, in einem menschlichen Werk jene Sicherheit der Ausführung, jene Notwendigkeit inneren Ursprungs und jene gegenseitige unlösliche Verbundenheit zwischen Gestalt und Stoff ersehnt oder gefunden zu haben, welche uns die geringste Konchylie vor Augen führt.«