Kennt man einen Menschen schon lange, kennt man ihn noch lange nicht gut. Ich bin Ulrich Moritz vor 45 Jahren zum ersten Mal begegnet. Aber unsere Wege haben sich oft getrennt, und viele seiner Freunde kenne ich nicht.

Meine Familie war damals von der rauen Alb ins wärmere Remstal hinabgezogen, und ich stand vor meinem letzten Schulwechsel. Ich wurde in die zehnte Klasse in der Waldorfschule auf der schönen Uhlandshöhe in Stuttgart aufgenommen und fand schnell zu einer offenen und freundlichen Clique, der auch Ulrich angehörte. Unsere Klasse galt als musisch. Wir hatten begabte Zeichner, schrieben Gedichte, schauspielerten mit großem Enthusiasmus und waren stolz auf unseren Pianisten, der damals schon öffentliche Konzerte gab. Unsere Parallelklasse dagegen war tüchtig, sportlich und intelligent. Aus ihr gingen viele Mediziner und Anwälte hervor.

Groß war deshalb die Enttäuschung, als wir erfuhren, dass unsere prosaische Parallelklasse im zwölften Schuljahr zu einer Kunstexkursion 14 Tage lang nach Florenz fahren durfte, wir dagegen zu einem Naturkundekurs nach Graubünden verbannt werden sollten. Wanderstiefel und wetterfest Härenes sollten dort unsere Garderobe bilden, während wir uns lieber auf dem glänzenden Parkett der Stuttgarter Oper und des Theaters bewegt hätten.

So fuhr unsere Klasse mit unserem Biologielehrer, dem wir bisher nicht viel Freude bereitet hatten, und einem Zeichenlehrer, der auch nicht unsere Wertschätzung hatte, nach La Punt, in die Nähe von Sankt Moritz. Dort warteten ein Matratzenlager und ein Dreitausender, der Piz Lischana, auf uns, den wir ersteigen und erkunden sollten.

Wir wurden in Vierergruppen aufgeteilt. Die meinige bestand aus Ulrich, Heinrich, einem ebenso glänzenden Zeichner wie Aufsatzschreiber, der uns gerade Becketts Molloy nahegebracht hatte, mir, die ich weniger brillant war, und aus Stefan, auf den sich unsere Augen vertrauensvoll richteten, weil er in Lederhosen in die Schule kam, stark schwäbelte und das Abitur ablehnte, weil er ohnehin nur Busfahrer werden wollte. Er war der Einzige, der trittsicher war, eine Fähigkeit, die von uns allen erwartet wurde, als wir den Berg ersteigen sollten. Solange wir noch den breiten Schotterweg nach oben spazierten, gab es keine Probleme, aber dann mussten wir uns anseilen.

Stefan ging mit geübtem Schritt voran, ihm folgten Heinrich und ich, und hinter mir hing Ulrich am Seil. Und hier zeigte sich schon eine bemerkenswerte Eigenschaft meines Freundes. Er schlenderte über Stock und Stein, als befände er sich auf einem breiten Boulevard. Er nahm die besonderen Umstände, wie mir schien, gar nicht wahr, die doch einen energischen, zielgerichteten Gang erfordert hätten, sondern er blieb mal stehen, beugte sich über einen Kieselstein, scherte nach rechts oder links aus, eilte dann wieder weiter. Ich, die ich jede nonkonforme Bewegung von ihm an meinem Seil zu spüren bekam, war der Verzweiflung nahe. Alle Mahnungen halfen nichts, er blieb ein lässiger Flaneur im unwegsamen Gelände.

Zwar ist die Sorge für Ulrich eine ständige Begleiterin, bis heute sind seine Lebensumstände mitunter prekär. Aber diesen Bergaufstieg brachte er mit einer seltsamen Angstlosigkeit hinter sich. Ich kam, auch wegen dieses Derwisches hinter mir am Seil, mehrmals ins Stolpern und war froh, als wir wieder ins Tal kamen, während Ulrich sich angeregt und genauso schlendernd wie beim Aufstieg mit Heinrich über den zweiten Band von Marcel Prousts Mammutwerk unterhielt.