Hinreißend sind sie, die Zeichnungen von Ulrich Moritz, hinreißend im Kolorit, hinreißend in der Feinheit ihrer Ausführung. Obwohl sich da ein genauigkeitsverliebtes Naturell mit einer gehörigen Portion Geduld über die jeweiligen Blätter gebeugt hat, haftet ihnen nichts Pedantisches an, im Gegenteil, die zarten Strichelchen fügen sich zu kompakten Gebilden und duftigen Atmosphären.

Ich darf mich rühmen, eine der schönsten Zeichnungen von ihm zu besitzen, eine lang gestreckte Oderlandschaft mit mäanderndem Fluss. Sehr fein die Bäume darin, fein die zart wogenden Wiesen, wunderbar der silbrig den Himmel spiegelnde Fluss. Und dann besitze ich einen Herbstwald, die Äste dunkel, einzelne davon schon kahl, die anderen wogen noch mit ihrer Last hin und her, auch sie leicht silbrig, als hätten die blattzersetzenden Mikroben schon für eine weißliche Camouflage gesorgt, eine helle, duftige Substanz, die den Winter ankündigt. Kleine, kurvige Weißstriche halten alles in Bewegung. Der Himmel darüber ist ein düsterer Herbsthimmel. Die Stimmung des Blattes zeugt vom Vergehen, nur die dunklen Äste stechen hervor, biegsame Gerüste, die in der Vorstellung nicht starr verharren, sondern vom Wind hin und her getrieben werden.

Die künstlerischen Vorbilder von Ulrich Moritz liegen im 19. Jahrhundert, besonders in den Zeichnungen von Tieren und Pflanzen, die naturwissenschaftlichen Zwecken dienten, der Genauigkeit also. Aber darüber hinaus hoben sie die einzelnen Objekte wie Schmuckstücke hervor und rückten sie damit auch wieder ein wenig ins Unwirkliche. Dem Surrealismus entlehnt sind so manche Beigaben am Rande der Zeichnungen, im Falle meiner Oderlandschaft ist es ein rosé-weiß gesprenkeltes Ei, dessen Unterseite im Himmel hängt. Tümelnd im Sinne eines Verharrens im Altmodischen sind die Zeichnungen nicht, obwohl sie ihre Abkunft von den großen Traditionen der Naturzeichnung nicht verleugnen. Wie gesagt, nichts Pedantisches haftet ihnen an; kein unfreier Schüler ist da am Werk, der mit gespitzten Stiften und vor lauter Anstrengung herausgeschobenem Zünglein die alten Meister wieder und wieder kopierte. Gespitzt sind die Stifte allerdings schon, sonst kann man so fein gar nicht arbeiten.

Die Formate sind klein, im Lauf der Jahre nur geringfügig größer geworden. Darin steckt eine konzentrierte Energie, eine erregende Falle ist aufgestellt, die Neugier sofort geweckt, die Blicke werden angezogen, Wirkkräfte sind im Spiel, die ich bei großformatigen Bildern, gar den überschnell hingesudelten, hingeklatschten, häufig vermisse. 

Ich besitze Muscheln von Ulrich Moritz, die sich wie Tänzerinnen auf ihren Kalkspitzen in die Lüfte zu erheben scheinen, und ein großporiges Knochenstück, das wie eine genarbte Landschaft aussieht.

Ganz nebenbei huldigt Moritz der Schönheit, einer unaufdringlichen, die nicht auf Effekte setzt. Mir wird, wenn ich eines seiner Bilder betrachte, immer recht wohl im Gemüt. Da ist eine kontemplative Art der Schönheit in Szene gesetzt, die mich nicht überfallen oder überschwätzen will, sondern den Augen und dem, was sich hinter den Augen als Vorstellung auftut, sanft zuredet und zuzwinkert: Schön kann sie sein, die Welt, wenn wir ihr nur erlauben, sie so zu sehen.