Malen für die Schublade

Verdient Ulrich Moritz Erfolg? Er hält sich fern von Galeristen und Ausstellungsmachern. Er kümmert sich nicht um Kunstdebatten. Seine Bilder erschließen sich auf Anhieb. Er will nicht irritieren, nicht provozieren, keine gesellschaftliche Kontroverse entfachen – sprich: Er will nicht auffallen.

Was will er? Zeichnen. Wie? So fein wie möglich.

Zeichnen, sagt er, ist für ihn das Übersetzen eines Gegenstandes aus der Drei- in die Zweidimensionalität, ohne ihn optisch seines Volumens zu berauben. Das Abbilden eines Weltfragments ist ein magischer Vorgang – ein visuelles Echo der Schöpfung –, beschworen durch das Auge, das die Wiedergabe eines Objekts an die Hand delegiert. Und ein prosaischer Vorgang zugleich: Seit der Aufklärung festigten Kunst und Wissenschaft ihre Zweckverbindung, um Forschungsergebnisse zu dokumentieren. Das Studium der Natur setzte die Maßstäbe der Präzision. Und darauf kommt es ihm an: präzise hinzuschauen. Zeichnen bedeutet zu den kleinsten Details vordringen und sie Strich für Strich geordnet übertragen. In der Anordnung, so Moritz, liegt die Grammatik des Zeichnens – das, »wodurch sich ein Objekt vermittelt und zum Bild wird«. (Er wählt das reflexive Verb »sich vermitteln«, das die Rolle des Künstlers ausblendet.)

Ulrich Moritz zeichnet zumeist, was die Natur bietet, manchmal auch banale Alltagsdinge wie einen alten Handschuh (um herauszufinden, wie sich das geraute Leder abbilden lässt), aber nie Selbsterdachtes. Seine Buntstifte setzt er nicht dafür ein, sein Inneres zu erforschen und auszudrücken, sie dienen der Objektwiedergabe. Originalität oder Kunst sind nicht sein Ziel; ihn interessiert der technische Vorgang – die maximale Feineinstellung des Blicks und der Handführung – mehr als das Ergebnis des Zeichnens. Beim Geleisteten hält er sich nicht auf, und er hängt sich die Bilder nicht an die Wand. Er steckt sie in eine Schublade, und wenn jemand sie haben will, gibt er sie leichten Herzens weg.

Dennoch kamen seine Freunde anfangs nur schwer an diese Bilder heran: Moritz hat kein Bedürfnis, sie zu zeigen. »Ich musste seine Schublade fast aufbrechen«, sagt Sibylle Lewitscharoff . Sie und Katharina Enzensberger waren die Ersten, die seine Zeichnungen sammelten. Sie ließen sie rahmen und hängten sie in ihren Räumen auf, wo sie manchem Gast auffielen. Oft waren das Schriftsteller, daher finden sich Schriftsteller in der Gemeinschaft der Moritz-Sammler am stärksten vertreten. Ein Kunstliebhaber, der eine Moritz-Zeichnung bei einem anderen entdeckt, will meist mehr davon sehen, und so ist diese Gemeinschaft stetig gewachsen. Sie ist allerdings überschaubar geblieben, da Moritz auf dem Kunstmarkt nicht existiert – er kennt seine Sammler persönlich. Ist es ihm wichtig, wer die Bilder bekommt? Es ist schön, sagt er, wenn jemand Freude daran hat, wie etwa ein Computerspezialist, der für geleistete Dienste nie Honorare verlangte, dafür aber mit Kennerschaft eine Zeichnung auswählte.

Die Menschen, die sich für diesen Künstler begeistern, verbindet der Sinn für Qualität, oft gepaart mit dem Interesse an alten Meistern und mit der Skepsis dem gegenüber, was einer von ihnen »das Pitschepatsche des zeitgenössischen Kunstgehudels« nennt. In Moritz’ Abbildungen der unauffälligen Wunder der Welt erkennen wir ihre Rätsel, die sich an der Oberfläche verbergen: Das Geheimnis liegt in den fabelhaften Details der Schöpfung. Diese Abbildungen bedeuten uns Staunen, Freude, Anregung. Den Menschen aber, die in Kunstwerken eine Geldanlage sehen und sie nach dem Marktwert schätzen, bedeuten solche Bilder nichts. Erfolg bei Investoren – das hat Ulrich Moritz wirklich nicht verdient.

Was andere Schriftsteller über Ulrich Moritz sagen: