Die Zeichnung ist das getreue Abbild aller Formen, die man in der Natur sieht; keine Malerei taugt etwas ohne die Zeichnung.

Die Zeichnung soll nüchtern, aber nicht trocken ausgeführt sein; entschlossen, ohne hart und roh, empfindsam und wahr, ohne manieriert zu sein.

Jean-Étienne Liotard

Unter den prunkenden Utensilien, die dem bildenden Künstler zur Verfügung stehen, nimmt sich der Buntstift, neben Blei-, Kohle- und Grafitstift, eher bescheiden aus. Er ist der Bauer unter den Schachfiguren des Künstlers. Er trägt nicht dick auf, er ist bis zur Selbstverleugnung bescheiden; und wenn er Strich für Strich die Fläche erobert, bleibt seine lineare Natur immer spürbar.

Das unspektakuläre Kolorit kann sich auf dem Papier verlieren, ausdünnen bis zur geahnten Unsichtbarkeit. Um aber mit diesem selbstgenügsamen Gerät überhaupt etwas Deckendes zu erzielen, bedarf es geduldiger Verdichtung und sich verdichtender Geduld. Am Ende verdichtet Schraffur die Fläche und lichtet sie.

Der Buntstift besitzt die wunderbare Eigenschaft, sofern das Auge und die Hand des Künstlers diese zu wecken vermögen, die Nuance, die fast unsichtbare, farbig schattierte Flechte, die haarfeinen Sprossen eines Mooses, die schründige und opake Oberfläche eines Steins ans Licht zu heben.

Es ist diese lange währende, dem Zeichnen selbst vorausgehende, still wägende Beobachtung, welche dazu führt, das Objekt in einem neuen Licht sehen zu lassen. Für gewöhnlich widmen wir nur sehr kurze und meist zerstreute Zeit derartigen Gegenständen; wir nehmen sie, wenn überhaupt, nur flüchtig in uns auf. Wenn sie außerdem auf den ersten Blick so spröde und unauffällig, so anspruchslos und farblos sind wie ein Fetzen Moos oder ein Stück Speckstein, verwerfen wir sie als Augenblicksfundstücke und tun uns fast instinktiv nach attraktiveren Reizen um.

Für den Zeichner, wie Ulrich Moritz einer ist, findet in der Wahl und der behutsamen Übersetzung des Objekts auf das Papier tatsächlich so etwas wie ein ästhetischer Prozess von Übertragung und Gegenübertragung statt. In dem Maße, wie Hand und Auge den Stift das Papier erobern lassen, bemächtigt sich das gewählte, erwählte Objekt der Hand, die Strich für Strich zur Entscheidung drängt. Das Objekt affiziert das Auge, und einmal auf dem Papier, ist es eben mehr und anderes als das schiere Abbild. Sowohl in der Technik als auch in der Objektwahl bewegen sich diese Zeichnungen auf dem heute verwaisten Terrain, wo künstlerische und wissenschaftliche Darstellung sich überschneiden.

Moritz hat die widerspruchsvolle Geschichte aus Kunst und Wissenschaft auch mehrfach essayistisch nachgezeichnet. Dieses für die Entwicklung der Zeichnerei wie der Naturbeobachtung gleichermaßen wegweisende Zusammenspiel scheint unzeitgemäß zu sein. Die Fotografie und noch mehr der Scan lassen, aber nur auf den ersten Blick, diese Art der Zeichnung alt aussehen.

Was unter dem bürokratisch anmutenden Begriff der "bildgebenden Verfahren" heute dominiert, hat mit der Zeichenkunst so gut wie nichts mehr gemein. Wer mechanisch reproduziert, entscheidet nicht wie der Zeichner, er kennt den genuinen Wert einer zarten Schattierung, einer Höhung oder einer gewollten Unschärfe nicht, weil diese Ausdrucksmittel ihn nicht weiter interessieren und weil er meint, die Anforderungen und "Standards" für die Reproduktion eines Objekts, ästhetische Kategorien vernachlässigen zu können. In den Bildern von Moritz darf man diese weithin verpönte Gestaltungsvielfalt wieder bewundern.

Tatsächlich offenbart der Vergleich mit der Fotografie zuerst und vor allem Unvergleichbares. Es bedarf jedoch einiger Anstrengung und eines gewissen Trainings, von diesem reflexartig sich einstellenden Vergleichen loszukommen. Die Mühe lohnt. Moritz’ Bilder führen uns vor Augen, welche zarten und mächtigen Kräfte der geduldige Buntstift zu entfalten vermag. Wir müssen uns nur die Zeit nehmen, sie zu betrachten.