Sie ist auf Alarm. Sie sucht eine Schulter zum Anlehnen. Sie schläft nicht. Sie haut ab – Seite 1

Sie schaut einfach nicht weg. Kein kurzer Seitenblick in den Raum, keine unwillkürliche Drehung der Pupillen nach oben oder nach unten zur Tischplatte. Olga Grjasnowa schaut ihrem Gegenüber pfeilgerade und mit einer Ausdauer in die Augen, die schon ein bisschen ungewöhnlich und auch ein bisschen irritierend ist. Es kann durchaus zur Herausforderung werden, sich über zwei Stunden hinweg in einem Kreuzberger Café namens Gipfeltreffen im Fokus dieses Blicks, dieser fixierenden Energie zu befinden. Sie schaut nicht einmal weg, als sie ihre Hand um das heiße Cappuccinoglas schließt, es anhebt, in die Milchschaumkuppel bläst und einen Schluck trinkt.

Müsste sie nicht nervöser, flattriger sein in diesen Tagen? Olga Grjasnowa ist siebenundzwanzig Jahre alt. In ein paar Wochen erscheint ihr erster Roman mit dem Titel Der Russe ist einer, der Birken liebt, in ein paar Wochen wird sie wissen, was die Kritik davon hält, wie die Leserschaft reagiert. Jetzt, Anfang Februar, hebt sich langsam der Vorhang, es kommen die ersten Interviewanfragen, die Nachwuchsschriftstellerin macht die ersten Schritte auf die öffentliche Bühne. Da ist man als sogenannte Hoffnung der deutschen Gegenwartsliteratur doch ein bisschen durch den Wind, ein bisschen aufgeregt? "Ich bin total aufgeregt, total." In solch kompakten, kompromisslosen Sätzen antwortet sie oft. "In meiner Familie spielte Religion keine Rolle, absolut keine." – "In meinem Freundeskreis gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden, Muslimen und Christen, überhaupt keinen." – "Von meiner Geburt her bin ich so jüdisch, wie man nur jüdisch sein kann." – "Das Regime in Aserbaidschan war und ist korrupt, total korrupt." Es ist nicht ganz klar, wo in diesen Sätzen das Entschiedene aufhört und die pure Ungeduld anfängt. Klar scheint nur, dass Olga Grjasnowa sich im Zustand der Nervosität nicht im Diffusen verliert, sondern an Deutlichkeit gewinnt; der Blick noch intensiver, die Sätze noch eine Spur geraffter. Vielleicht ist diese Reaktion auch deshalb überraschend, weil man hinter dem weich geformten, noch etwas mädchenhaften Gesicht irgendetwas anderes erwartet hat. Ein eher verträumtes Wesen, nicht eine so präsente Person.

Dass sie sehr schnell spricht, schneller als im Deutschen üblich, weiß sie selbst, "das sagen andere Leute auch". Sie macht kaum Zäsuren zwischen den einzelnen Wörtern, ihre Sätze fliegen in akustischen Einheiten über den Tisch. Eine Angewohnheit, die sich bei vielen Menschen findet, in deren Zweitsprache die Melodie und die Frequenz ihrer Muttersprache nachleben. Im Fall von Olga Grjasnowa ist dies Russisch, denn sie stammt aus Baku , der Hauptstadt Aserbaidschans. Sie war elf Jahre alt, als ihre Eltern – der Vater Jurist, die Mutter Klavierlehrerin – Wohnung, Arbeit, die gesamte Existenz aufgaben, die Möbel verkauften, sich von den Verwandten verabschiedeten und mit ihren beiden Kindern nach Deutschland emigrierten. Ein paar Tage nach der Ankunft im Asylbewerberheim in Friedberg saß Olga Grjasnowa in einem deutschen Klassenzimmer und lauschte einem Unterricht, von dem sie kein Wort verstand. Nach einem Jahr sprach sie fließend Deutsch. Nach vierzehn Jahren begann sie die Arbeit an einem Roman, der die Gattungsreihe jener deutschsprachigen Migrationsliteratur fortsetzt, die von Emine Sevgi Özdamar bis Melinda Nadj Abonji reicht, deren Vielstimmigkeit längst das Wort Tradition verdient und der vielleicht die Zukunft der deutschen Literatur gehört. Der Russe ist einer, der Birken liebt steuert etwas Unverwechselbares bei: eine radikal antifolkloristische, antilarmoyante Stimme. Eine Stimme, in der mehr Trotz als Trauer zu hören ist, obwohl sie eine unendlich traurige Geschichte erzählt. Von der Lektüre dieses Buches hätte man wissen können, dass es in Olga Grjasnowas Welt nicht gerade schläfrig zugeht. Zeitgeschichtlich wacher, literarisch eigensinniger war lange kein deutsches Debüt.

Schon im ersten Satz reißt der Roman seine Heldin Mascha Kogan aus dem Schlaf: "Ich wollte nicht, dass dieser Tag begann. Ich wollte liegen bleiben und weiterschlafen, aber..." Aber die Außenwelt macht sich sofort in der nächsten Zeile mit Nachdruck bemerkbar. "Durch die weit geöffneten Fenster drangen in unser Schlafzimmer das Lachen der Gemüseverkäufer und das Rattern der Straßenbahn." Und das ist erst der Anfang. Denn in diesen Roman dringt vieles, dringt die gesamte Geräuschkulisse unserer Gegenwart und jüngsten Vergangenheit ein. Der nie endende Nahostkonflikt. Die postsowjetischen Bürgerkriege, zumal die barbarische Auseinandersetzung zwischen Armeniern und Aserbaidschanern um Berg-Karabach . Die Reibungsflächen migrantischer Identität. Die Heimatlosigkeit und das Erfahrungstempo einer jungen Generation, für die Globalisierung nicht nur eine Floskel aus den Wirtschaftsnachrichten ist, sondern Lebensalltag.

Sie will einfach dabei, in den Straßen sein

Viele und viele heftige Themen also. Das hätte einen zusammengewürfelten, etwas unglaubwürdigen Themenroman ergeben können – wäre da nicht Mascha Kogan, eine Romanfigur, die all dies zu binden weiß, durch ihre Lebensgeschichte und durch ihren Charakter. Mascha Kogan musste für die deutsche Literatur erfunden werden. Erstens, weil sie den Typus einer neuen Generation verkörpert. Zweitens, weil sie ein so wahnwitzig widersprüchliches, tragikomisches Weib ist. Überautonom und überanhänglich, rational und abergläubisch, essgestört und lebenshungrig, schnell verliebt, in Männer und in Frauen, schnell auf der Flucht vor Menschen, vom Ehrgeiz getrieben und in Gleichgültigkeit versackend. Ständig sucht sie eine Schulter zum Anlehnen. Findet sie eine, haut sie ab. Für die Haltung des Romans ist jedoch ein anderes Spannungsverhältnis seiner Icherzählerin ausschlaggebend: das Verhältnis von Verzweiflung und Vitalität. Mascha Kogan entstammt der Geschichte literarischer Leidensfiguren, aber sie erschließt sich gleichzeitig aus der Geschichte des Widerstands. Sie erlitt als Kind in Aserbaidschan ein Kriegstrauma, sie erlebte das Massaker der Pogrome aus nächster Nähe, sie sah blutige Bilder, die sie den ganzen Roman hindurch nicht verlassen und die sich auf entsetzliche Weise aktualisieren, als ihr Freund Elias an einer Fußballverletzung stirbt. Um über seinen Tod hinwegzukommen, flieht sie von Frankfurt nach Tel Aviv . Die Bilder bleiben auch dort. Dennoch geht Mascha Kogan nicht als Opfer der Geschichte durch den Roman, sondern als Kämpferin für ihr Recht auf Gegenwart und Zukunft. Ihr ambitioniertes Berufsziel, als Dolmetscherin bei den Vereinten Nationen zu arbeiten, ist durchaus als Metapher einer Zukunftswelt zu verstehen.

Roman von Olga Grjasnowa - Radischs Lesetipp: "Der Russe ist einer, der Birken liebt"

Man darf Mascha Kogan, obwohl einige biografische Elemente, Alter, Judentum, die Herkunft aus Aserbaidschan, mit denen Olga Grjasnowas übereinstimmen, nicht mit dieser verwechseln. Olga Grjasnowa kam nicht als kriegstraumatisiertes Kind aus dem Kaukasus nach Mitteleuropa , sondern als jüdischer Kontingent-Flüchtling. Sie spricht drei Sprachen, ihre Protagonistin fünf. Aber man darf Mascha Kogans kosmopolitische Weltsicht, die Selbstverständlichkeit ihres multiethnischen Lebensmilieus hochrechnen zum Bewusstsein einer jungen Generation, die gerade dabei ist, das Bewusstsein der deutschen Literatur zu bestimmen. Die Figuren, die Mascha Kogans Geschichte flankieren, heißen Cem (deutscher Türke), Sami (Libanese, der aus den USA nach Frankfurt kam), Tal (Israelin), Ismael (Palästinenser). Sie sind nirgends wirklich fremd und nirgends wirklich verwurzelt, sie bewegen sich, als seien Paris, Frankfurt, Beirut , Tel Aviv, New York durch Drehtüren verbunden, und sie sprechen manchmal miteinander, als blätterten sie dabei im Reisepass. "›Ich wurde in Aserbaidschan geboren‹, sagte ich. ›Ist weit weg.‹ – ›Gar nicht so sehr.‹ – ›Das ist doch ein muslimisches Land. Bist du Muslimin?‹ – ›Nein.‹ – ›Christin?‹" Sie sind hellwach, politisch präsent, sprungbereit. Ihr großes Energiepotenzial ist mit Händen zu greifen, aber auch der Mangel einer großen Idee, in der die Energien Gestalt annähmen.

Manches an der Begleitmusik von Olga Grjasnowas Debüt erinnert an Judith Hermann, genauer gesagt an den Nimbus ihres Debüts: Eine junge und, was nicht ganz vergessen werden darf, ziemlich fotogene, bis dahin unbekannte Autorin trifft, gleichsam aus dem Stand, den Nerv ihrer Generation. So war das im Jahr 1998, als der Erzählband Sommerhaus, später erschien und ein Berliner Literaturpersonal auftrat, das lebte wie hinter dem Mond, das mit rauchen, warten, ein bisschen reden, ein bisschen lieben und im Großen und Ganzen nur mit sich beschäftigt war. Fünfzehn Jahre ist das her. Schaut man von Olga Grjasnowas Roman auf diese Erzählungen zurück, wirkt es – was nicht als literaturkritisches Urteil gemeint ist –, als sei ein halbes Jahrhundert vergangen. Der Vergleich dieser beiden Bücher macht geradezu schockhaft erfahrbar, was man bisweilen nur kognitiv weiß: Wir leben tatsächlich in einem neuen Jahrtausend. Wir haben den Alarmzustand verinnerlicht. Wir können nicht mehr von Menschen erzählen, die rauchen und warten und ihre Melancholie auch ein bisschen genießen. Die elektrisierte, gehetzte Stimmung, in der Olga Grjasnowa erzählt, ist die Stimmung der zurückliegenden zehn Jahre, der Jahre seit 9/11, mit den Terrorangriffen von Madrid und London, dem zweiten Irak- und dem Afghanistankrieg. Episodisch kommt dies alles in ihrem Roman nicht vor, aber in sein Unbewusstes ist es eingegangen. Erst dies macht Literatur geistesgegenwärtig.

Es ist nicht ganz einfach, mit Olga Grjasnowa zu rekapitulieren, was sie in den Jahren seit ihrem Abitur 2005 so alles gemacht hat. Momentan studiert sie in Berlin Tanzwissenschaften und lebt allein in einer Kreuzberger Wohnung. Im Jahr davor machte sie ein Praktikum in Tel Aviv bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Oder war das 2010? "Ich glaub doch, 2011, der Abschluss in Leipzig war vorher, und das war 2010." Leipzig heißt: Studium am dortigen Literaturinstitut, Beginn 2007. Zwischendrin ging Olga Grjasnowa für je ein Semester an die Literaturinstitute in Moskau und in Warschau und irgendwann für ein Semester an die Universität der Künste in Berlin, um szenisches Schreiben zu studieren, woraus Theaterstücke entstanden. Das war wann? "Ich glaube, auch 2010." Und wann war Göttingen? Das war die erste Station nach der Schule. Zwei Semester Kunstgeschichte und Polanistik im Jahr 2006, bis Olga Grjasnowa das Interesse verlor, im Internet suchte, das Leipziger Literaturinstitut fand, sich bewarb, die allerersten Prosaseiten schrieb. Die Vermutung, dass großes Talent hier auf Ungeduld trifft, dürfte nicht falsch sein.

Vor den Fensterscheiben des Gipfeltreffens ist es dunkel geworden, Olga Grjasnowa macht den Vorschlag, noch um die Ecke in ein iranisches Restaurant zu gehen. Die iranische Küche sei der aserbaidschanischen sehr ähnlich. Man braucht einen Moment, um das zu verstehen, die geografischen Wissensreflexe sind von Deutschland aus zu lahm für Vorderasien. Natürlich wird sie im Mai nach Baku fahren zum Song-Contest-Spektakel. Die Musik ist natürlich "Schrott, totaler Schrott". Aber sie fährt auch nicht wegen der Musik, sondern wegen der Stadt, der Menschen, des ganzen verrückten Ereignisses. Sie will einfach dabei, in den Straßen sein. Die Augen aufhalten.