Wenn Werner Schulz nach Moskau reist, denkt er an Leipzig . »Als ich zuletzt in Russland auf Demonstrationen war«, sagt der Grünen-Europaabgeordnete, »hatte ich ein Déjà-vu-Erlebnis – diese politische Kreativität, diese Heiterkeit hat mich an damals erinnert. Es war, als würde der Herbst 89 in einen russischen Frühling übergehen.« Damals, 1989, vertrat Schulz das Neue Forum am Runden Tisch. Bis dahin hatte der SED-Staat seinen Bürgern verkündet: Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen. Im Herbst der DDR war es damit vorbei. Statt der SED-Führung blickten die Dissidenten ins Land des Reformers Michail Gorbatschow , nach Polen und Ungarn; am Ende siegten sie.

Heute ist Russland in Unruhe, die Opposition macht mobil gegen das System Putin . Kann ihr die historische Erfahrung von 1989 nutzen? Siegt, wer von Ostdeutschland lernt?

Das Moskau von 2012 ist nicht das Berlin von damals. Aber die Parallelen sind offensichtlich. Im Mai 1989 überwachten Bürgerrechtler die Kommunalwahlen der DDR. Als Egon Krenz die üblichen Ergebnisse für die SED-Kandidaten bekanntgab, konterte die Opposition mit Zahlen; das Misstrauen war messbar geworden. Ähnlich haben auch die Russen die jüngsten Wahlen beobachtet. »Die Duma-Wahl war gefälscht, sie muss annulliert werden«, sagt Werner Schulz. »Die Präsidentenwahl hat gezeigt, dass die Wahlfälschungsmaschine weiter läuft. Das führt zu einer demokratischen Grundempörung.«

Schulz ist Vizechef des parlamentarischen Kooperationsausschusses EU-Russland. Zuletzt war der Sachse im Dezember zur Protestdemo nach den Duma-Wahlen in Moskau. Er traf sich mit führenden Oppositionellen wie Ludmilla Alexejewa und Boris Nemzow – eine inoffizielle Mission, die ihn an 1989 denken ließ: »Die Leute können es auf Dauer nicht ertragen, wenn es nicht ehrlich zugeht. Aus solcher Empörung entstand in der DDR die Besinnung auf den Souverän: ›Wir sind das Volk!‹«

Damals machte den Widerständlern die Vereinzelung zu schaffen. Günter Nooke war Mitglied des Demokratischen Aufbruchs; heute ist er Afrikabeauftragter der Kanzlerin. »Ich habe die Zersplitterung der Opposition 1989/90 als Manko wahrgenommen«, sagt er. »Vielfalt ist nett, aber nicht, wenn es um die Macht geht.« Und Stephan Hilsberg , Mitgründer der Ost-SPD, betont, wie wichtig es sei, die Isolation zu überwinden: »Es braucht einen Diskurs – das Gefühl und das Bewusstsein, nicht alleine dazustehen. Damals ist es uns gelungen, uns so weit zu vernetzen. Heute haben sie in Russland eben die elektronischen Netzwerke. Das ist eine große Chance.«

Revolutionäre brauchen Idole, an denen sie sich orientieren können. »Wir hatten viele Vorbilder, auch unter den Dissidenten aus dem Ostblock«, sagt Marianne Birthler , »ich denke an Václav Havel und andere Vertreter der Charta 77.« Birthler war jahrelang als Bürgerrechtlerin aktiv gewesen, bevor sie am Runden Tisch mitarbeitete und im Jahr 2000 zur Beauftragten für die Stasi-Unterlagen gewählt wurde. In der DDR blickte sie ostwärts, war fasziniert von den polnischen Dissidenten und der Gewerkschaft Solidarność. Andere erinnern an Intellektuelle wie Robert Havemann , Jurek Becker oder Erich Loest, an sowjetische Dissidenten, an Andrej Sacharow . Birthler machten auch historische Vorbilder Mut: »In meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Kirche waren Martin Luther King , Mahatma Gandhi , Anne Frank und die Geschwister Scholl Leitbilder.« Namen, die auch in Russland viele kennen.

Ohne die Kirche wäre der 9. November 1989 undenkbar gewesen. »Sie bot vor allem Raum«, blickt Birthler zurück: »Es war Privatleuten verboten, Versammlungen abzuhalten. Die Kirche hat auf eine Not reagiert, zumindest haben das viele Gemeinden getan, indem sie ihre Türen geöffnet haben. Die Kirchenleitung hat das nicht immer gutgeheißen, es kam deswegen auch oft zu Spannungen.« Die orthodoxe Kirche in Russland hingegen verstehe sich eher als Staatskirche, sagt Werner Schulz: »Da gibt es keine Möglichkeiten, sich zu organisieren wie bei uns damals.«