ZEITmagazin: Sie waren bei Bewusstsein?

Niedecken: Erst mal schon, aber als ich die Narkose bekam, wusste ich, dass es jetzt um die Wurst geht – mein letzter Gedanke war: Hoffentlich werde ich noch mal wach. Und als ich dann wach wurde, das war so schön, so unfassbar schön. Als letzten Eindruck hatte ich meine Frau und meine Töchter vor Augen und dachte: Hoffentlich sehe ich sie wieder. Als ich drei Stunden später wieder aufwachte, hatten sich alle drei wieder genauso an mein Bett gestellt.

ZEITmagazin: Ihre Frau hat später gesagt, Sie hätten im Krankenwagen ausgesehen, als sei die Seele aus Ihnen gewichen. Das ist ein unglaubliches Bild.

Niedecken: Ja, das ist es. Man sagt ja auch, dass man einen Direkttest bei einem Schlaganfallpatienten machen kann, indem man ihn auffordert zu lächeln. Ein Schlaganfallpatient kann nicht lächeln! Seine Gesichtszüge entgleiten.

ZEITmagazin: Gab es in den Tagen zuvor irgendwelche Warnsignale?

Niedecken: Die Ärzte meinen, dass ein schwerer Husten den Schlaganfall verursacht hat. Das ständige Pressen hat die Halsschlagader unter meinem linken Ohr verletzt, die dort offenbar in einer ziemlich engen Kurve verläuft. Von da ist, so habe ich mir das erklären lassen, ein Blutgerinnsel zum Gehirn hochgewandert. Die Ärzte wirkten jedenfalls sehr besorgt. Welchen Mann bekomme ich zurück, hat sich meine Frau gefragt. Wie wird das jetzt? Wie wird das Leben, wenn die Hand gelähmt bleibt, was soll werden, wenn Teile des Sprachzentrums zerstört sind?

ZEITmagazin: Um dies herauszufinden, ließen Sie sich wenig später eine Gitarre ins Krankenhaus bringen.

Niedecken: Wir haben bei den ersten Versuchen wirklich die Luft angehalten. Ich habe zwar direkt mit der linken Hand Gitarre gespielt, die rechte konnte ich zunächst kaum bewegen, aber irgendwie ging das dann auch. Um zu sehen, wie mein zelluläres Gedächtnis funktioniert, habe ich zu buchstabieren versucht. Es geht ja alles halbwegs, solange es phonetisch zu erahnen ist, aber irgendwann tauchte das Wort Clown auf. K – L – A oder O, es hat lange gedauert, bis ich es zustande gebracht habe. Und es war nachher K – L – A – U – N. Das habe ich dann zur Diskussion gestellt. Das hatte also schon mal nicht mehr funktioniert. Der Begriff war nicht mehr gespeichert. Oder auch dieses Scrabble-Spiel, drei Buchstaben. Ich habe sechseinhalb Minuten gebraucht, bis ich aus drei Buchstaben das Wort "Uhr" gemacht hatte. Ich hatte vergessen, dass das U ein Vokal ist, und das Wort "Uhr" war weg, einfach weg. Das alles musste ich langsam trainieren. Vom Tag der Entlassung an habe ich an diesem Tisch mit einer Logopädin trainiert; deswegen steht dieser Tisch überhaupt hier. Aber bitte, ich möchte nicht in die Geschichte eingehen als der Mann, der einen Gehirnschlag überlebt hat.

ZEITmagazin: Es ist in diesen Tagen viel vom Großen Zapfenstreich die Rede. Was wären die Lieder, die sich Wolfgang Niedecken wünschen würde?

Niedecken: Zapfenstreich, großartig! Das habe ich mir noch nicht überlegt. Bisher habe ich nur darüber nachgedacht, was bei der Beerdigung gespielt werden könnte.

ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Niedecken: Mit in die Wertung käme auf jeden Fall The Long And Winding Road von den Beatles, vielleicht auch Patti Smiths Ghost Dance . Wie wär’s mit Neil Youngs Hey Hey, My My?

ZEITmagazin: Verlassen wir die Beerdigungen, welche Lieder passen Ihnen immer?

Niedecken: Ich kann noch so schlecht gelaunt sein – wenn ich die ersten Takte von Tumbling Dice höre, von den Rolling Stones, muss ich grinsen. Dieses Gitarrenintro ist dermaßen zurückgelehnt, dass es schon fast in den nächsten Takt schwappt. Keith Richards ist für mich überhaupt der wichtigste Gitarrist von allen.