ZEITmagazin: Gibt es für Sie den einen besten Song aller Zeiten? 

Niedecken: Ja, es sind wieder die Stones. Salt of the Earth! Ein Lied über die sogenannten einfachen Leute, über ihr Leben. Dieses Lied trifft mich ins Herz. Es erinnert mich an einen Text von Bertolt Brecht : Fragen eines lesenden Arbeiters.

ZEITmagazin: Haben Sie sich eigentlich damals im Krankenhaus beim lieben Gott bedankt?

Niedecken: Ich denke oft über Religion nach, einfach weil es mich sehr interessiert, aber ich kann nicht behaupten, dass ich jetzt an einen bestimmten Gott glaube. Wie kann ich das denn glauben, es ist doch noch keiner zurückgekommen. Ich bin mit Sicherheit kein Atheist, sonst würde ich mir diese Gedanken nicht machen. Und ich weiß auch ganz genau, dass ich mich nie mit einem Gott anlegen würde. Am besten erklären das ein paar Zeilen aus unserem Song Kron oder Turban, die auf Hochdeutsch lauten: "Wenn es ihn gibt, dann ist er ein Guter. Wenn es ihn gibt, dann vergiss deine Angst. Wenn es ihn gibt, geht keiner verloren. Wenn es ihn gibt, haben wir eine Chance."

ZEITmagazin: Welche besonderen Regeln gelten im Leben eines Rock ’n’ Rollers?

Niedecken: Vorweg: Ein Rock ’n’ Roller kann man auch sein, wenn man nicht in einer Band spielt. Ich selber versuche, mein Leben selbstbestimmt auf die Reihe zu bekommen. Ich wollte Lebensqualität immer erarbeiten, indem ich etwas tue. Nicht dadurch, dass ich etwas kaufe. Ich kann mich nicht an furchtbar viele Auftritte erinnern, bei denen ich keinen Spaß hatte. Das klingt einfach, ist aber manchmal schwer zu vermitteln, auch den eigenen Kindern: Ihr müsst euer Leben mit Leidenschaft bestreiten. Vor allem im künstlerischen Bereich.

ZEITmagazin: Ihr Vater hatte vermutlich die gleichen Sorgen mit Ihnen.

Niedecken: Mein Vater war ein einfacher, liebenswerter Mensch mit einem Lebensmittelladen am Kölner Chlodwigplatz. Er hat sich um mich gesorgt. Ich hätte ihm so gern diese Angst genommen, habe es aber nicht geschafft. Blöderweise ist er genau in dem Jahr gestorben, als es langsam bergauf ging. Als mit BAP so was wie ein Erfolg kam. Dass ich nach dem Kunststudium die von mir gemalten Bilder in ordentlichen Ausstellungen zeigen konnte, vermochte mein Vater nicht zu bewerten. Mit dem, was ich da machte, konnte er nichts anfangen. Er wusste nicht, was es bedeutete, im Hamburger Kunstverein auszustellen, im Kölnischen Kunstverein oder in Berlin in einer richtig guten Avantgarde-Galerie.

ZEITmagazin: Sie waren zu streng mit ihm?

Niedecken: Ich war mit ihm viel zu streng! Junge, pubertierende Männer sind hart, genau zu demjenigen, an dem sie sich zuerst reiben können. Das ist einfach so. Das ist wohl von der Natur so vorgegeben. Irgendwann müssen sie ja raus aus dem Nest.

ZEITmagazin: Wir stellen uns vor, dass es für Ihre Kinder schwer ist, sich an einem Vater zu reiben, der Rock ’n’ Roller ist.

Niedecken: Ich habe gerade mit meiner 18-jährigen Tochter dieses Gespräch gehabt. Ich weiß gar nicht, wie wir darauf gekommen sind. Ich sagte, Mensch, ihr habt alle Möglichkeiten, zu revoltieren. Quatsch, sagte sie da: Ihr konntet revoltieren, was kann ich dann noch groß als Revolte bringen, gerade gegenüber jemandem wie dir! Ich kann mein Zimmer nicht aufräumen, das ist dann auch schon alles.

ZEITmagazin: Rock ’n’ Roll wäre wohl nicht entstanden, wenn sich Eltern und Kinder immer nur lieb gehabt hätten?

Niedecken: Wahrscheinlich nicht. In der Nachkriegszeit wurde es plötzlich möglich, dass auch jemand aus der Unterschicht Kunst studieren konnte, Leute wie John Lennon, Ray Davis oder Keith Richards sind auf Kunstschulen gegangen, um sich in diesen Freiräumen zu entwickeln. Ich weiß nicht, was mit mir passiert wäre, wenn ich nicht auf dieses Internat gekommen wäre. Vermutlich wäre ich auf dem Gymnasium furchtbar gescheitert. Dann hätte ich eine Lehre machen müssen. Ich kann mir das gar nicht vorstellen.