Vor ein paar Tagen sind die Mitglieder von BAP zum ersten Mal wieder zusammengekommen, um Musik zu machen. Seit mehr als zehn Jahren spielt die Gruppe in derselben Formation, aber als sie sich jetzt im Haus von Niedecken trafen, stand alles wieder auf null. Ist der Frontmann schon wieder der Alte? Geht es wieder? Ganz sicher war das nicht. Auch seine Frau Tina, Fotografin von Beruf, hat ganz genau hingesehen. Die Familie, aber auch die Band seien noch näher zusammengerückt, sagt sie später, sie wolle nun darauf achten, dass die Geschwindigkeit nicht wieder zunimmt. Denn die große Tournee von BAP ist nur unterbrochen, im Mai sind zwei Aufwärmkonzerte in Worpswede geplant, danach soll es in Köln wieder richtig zur Sache gehen.

ZEITmagazin: Hat eigentlich ein Rock ’n’ Roller in besonderem Maße mit dem fortschreitenden Alter zu kämpfen?

Niedecken: Jedenfalls käme ich nie auf die Idee, meine Haare zu färben. Warum auch? Ich gehe weder auf die Sonnenbank noch in die Muckibude.

ZEITmagazin: Sie sind gar nicht eitel?

Niedecken: Na ja, wer ist nicht eitel? Aus meiner langjährigen Erfahrung weiß ich natürlich, wie ich mich vor einer Kamera bewegen muss, was ich auf keinen Fall tun darf. Ich weiß mittlerweile sogar über meine Schokoladenseite Bescheid. Die biete ich den Fotografen natürlich auch zuerst an.

ZEITmagazin: Das ist welche?

Niedecken: Das ist die linke Seite. Das war für Fotografen auch immer wunderbar einfach, wenn ich sagen konnte, nimm die mit dem Ohrring. Zurzeit habe den Ohrring allerdings nicht an. Genau dahinter macht meine Schlagader diese Haarnadelkurve, deren Verletzung mich kürzlich so beschäftigt hat. Ich muss noch den Arzt fragen, ob das okay ist. Vielleicht lasse ich ihn in Zukunft aber auch einfach weg.

ZEITmagazin:Bob Dylan singt in einem seiner größten Lieder: "The times, they are a-changin’", die Zeiten ändern sich.

Niedecken: Na klar, beispielsweise nerve ich meine Freunde momentan damit, sämtliche Vorsorgeuntersuchungen zu machen und beim Notar eine Patientenverfügung zu hinterlegen.

ZEITmagazin: Sie haben sich als einer der ersten deutschen Rockstars in Afrika engagiert, haben das Schicksal der Kindersoldaten öffentlich gemacht, die Not der Menschen in Uganda und im Kongo zu lindern versucht. Seit jener Zeit kennen Sie Horst Köhler ganz gut, der ebenfalls oft in Afrika war. Haben Sie ihn, als er als Bundespräsident überraschend zurücktrat, angerufen, haben Sie ihm eine SMS geschickt?

Niedecken: Nein, aber das Ehepaar Köhler hat uns später bei sich zu Hause in Berlin zum Essen eingeladen. Sein Rücktritt war für mich ein sehr trauriger Moment. Manchmal denke ich, hätte er mit dem Abschied aus dem Amt noch ein, zwei Tage gewartet und wäre noch ein paarmal geistig um den Block gegangen – womöglich wäre er dann noch unser Bundespräsident. Horst Köhler ist sehr emotional. Ich habe ihn in Afrika weinen sehen, wenn das Elend ganz schlimm wurde. Ich mag ihn sehr. Er ist ein guter Mann, auf seine Art auch ein Rock ’n’ Roller.

ZEITmagazin: Sie haben Tourneen ohne Zahl absolviert, welche haben Sie sich besonders gemerkt?

Niedecken: Wir sind 1983 zu einer Reise durch die DDR aufgebrochen, es war die Reise eines großen Missverständnisses. Das Regime in Ost-Berlin hatte offenbar eine völlig falsche Vorstellung von uns. Ich weiß nicht, ob die mit einem Diplomatenkorps gerechnet hatten. Wir waren nun mal eine Rock-’n’-Roll-Band, da gilt das Prinzip "What you see is what you get" , also, du bekommst, was du siehst. Haben die aber nicht geglaubt. Stattdessen sollte ich Interviews geben. Davon erzählen, dass die amerikanischen Pershings Kriegsraketen sind, die russischen SS-20 dagegen Friedensraketen. Wir hatten uns zu Hause in Köln auf diese Fragerunden vorbereitet, trotzdem bin ich in die Falle gelaufen. Unsere Interviews wurden erst gekürzt und dann gekippt. Extra für diese Reise hatten wir deshalb einen Song vorbereitet, der hieß Deshalv spill’ mer he, "Deshalb spielen wir hier". Als das Stück mit einem Verbot belegt wurde, haben wir uns am Vorabend des ersten Konzerts in unserem Hotel in der Friedrichstraße, Ecke Unter den Linden, zusammengesetzt und entschieden, wieder nach Hause zu fahren. Wir sind damals hart geblieben, und das war richtig.

ZEITmagazin: Haben Sie nicht an Ihre Fans gedacht?

Niedecken: Doch, haben wir. Gott sei Dank haben wir von denen ermutigende Post bekommen. Keiner hat gesagt, wir hätten nachgeben sollen. Aber die Geschichte ist damit auch noch nicht zu Ende. Im Mai 1989 haben wir eine Russland-Tournee gespielt. Ich komme in Moskau auf die Bühne und denke, was ist denn hier los, die singen alles mit! Da waren ohne Ende Leute aus der DDR, die nach Moskau gefahren waren, um BAP zu erleben. Dreimal haben wir dort gespielt, einmal im Gorki-Park und zweimal in einer großen Eislaufhalle. Und die sangen alles mit – Do kanns zaubere, Verdamp lang her, Deshalv spill’ mer he . In Moskau! Es hat eine Zeit gedauert, bis ich kapiert habe, was da abgegangen ist, davon kriege ich heute noch eine Gänsehaut.

ZEITmagazin: Und nach einer Tournee geht es wieder zurück nach Köln. Was macht diese Stadt mit Ihnen?

Niedecken: Köln ist mein Heimathafen. Meine Gefühle sind natürlich auch mit Sentimentalitäten aufgeladen. Das Größte für mich als Kind war, dass mir meine Mutter eines Tages erlaubte, auf der anderen Seite des Flusses zu spielen. Also ging ich über die Südbrücke zu den Poller Wiesen. Da fing für mich die weite Welt an. Wenn ich heute nach Hause fliege, versuche ich immer, einen Platz auf der rechten Seite der Maschine zu bekommen. Dann kann ich mit etwas Glück beim Landeanflug den Rhein sehen, den Dom und manchmal auch mein Haus auf dem Römerberg. Sitze ich links und schaue durchs Fenster, dann sehe ich nur Bergisch Gladbach und Leverkusen.