Nico hat seinen Auftritt am zweiten Tag gegen Mittag, gleich nach einem sehr blonden Mädchen, das Norwegen vertritt. Emotional soll er sein, hat man ihm gesagt. Das mögen die Türken. Deshalb hebt Nico jetzt die rechte Hand ans Herz. Er geht in die Knie und deklamiert die Strophen, die er wieder und wieder geübt hat. Von Blumen ist darin die Rede und von der Sehnsucht nach Heimat, die man nur in der Fremde verspürt. Was er genau vorträgt, versteht Nico freilich nicht. Schließlich kann er bis auf ein paar Brocken gar kein Türkisch. Nur dass sein Gedicht die Herzen rühren kann, weiß der Zwölfjährige. Als er es das letzte Mal vor Publikum vortrug, flossen Tränen.

Ein hessischer Junge, der auf Türkisch Verse vorträgt, obwohl er die Sprache nicht spricht. Ein modernes Megaevent, das jedes Jahr in der Türkei Millionen Zuschauer mit traditionellen Gedichten und Volksliedern begeistert. Ein weltweites muslimisches Bildungsnetzwerk, das offiziell weder einen Namen noch eine Adresse besitzt: Es ist eine eigenartige Geschichte, die Nico Weber, einen Realschüler aus Deutschland, auf eine Bühne in die Türkei verschlagen hat. Ihm selbst kommt sie bis heute vor wie ein orientalisches Märchen.

Diese Geschichte spielt in Gießen und Stuttgart , in Ankara und ein bisschen auch im amerikanischen Pennsylvania . Hier lebt ein Korangelehrter namens Fethullah Gülen , der in seinen Schriften ein islamisches Gutmenschentum predigt – und die größte muslimische Bildungsbewegung der Welt begründet hat. Dazu gehört auch die "Internationale Türkischolympiade", bei der Nico gegen Jugendliche aus der ganzen Welt antritt. Sie alle kämpfen um den Titel des besten Interpreten türkischen Kulturguts.

Weder Nico noch seine Eltern haben von Fethullah Gülen jemals gehört. Ohnehin hatten sie bis vor einiger Zeit – bis auf einen Badeurlaub – nichts mit der Türkei zu tun. Sie kannten nur Abdurahman. Abdu, wie er genannt wird, geht mit Nico gemeinsam in eine Klasse. Er ist sein bester Freund. Eines Tages fragte Abdu, ob Nico nicht bei einer "Türkischolympiade" mitmachen wolle. Seit 2003 gibt es diesen internationalen Wettbewerb, eine Art "Die Türkei sucht den Superstar" der Volksmusik. Neben türkischstämmigen Teilnehmern aus dem In- und Ausland gehen auch immer Nichtmuttersprachler aus der ganzen Welt ins Rennen.

Abdu schien die Sache irgendwie wichtig zu sein. Und so sagte Nico zu. Ein türkisches Heimatgedicht wurde ausgesucht, und Nico lernte die fremden Verse auswendig. Er übte die Betonungen, trainierte, seine Worte mit pathetischen Gesten zu unterstreichen – und schlug die Mitbewerber bei der Regionalentscheidung in Gießen aus dem Feld.

Vielleicht war es seine überraschend gute Aussprache, vielleicht die Art, wie der sonst eher schüchterne und verträumte Junge auf der Bühne aus sich herauskommt: Auch bei der nationalen Ausscheidung in Paderborn konnte er die Jury in seiner Kategorie überzeugen. Er gewann einen iPod, einen Laptop sowie die Einladung, für zwölf Tage zur Endrunde in die Türkei zu fliegen. "Da wurde uns das erste Mal etwas mulmig", sagt Claudia Weber, Nicos Mutter.

Die Dimension des Unternehmens erahnen die beiden jedoch erst, als sie in Ankara ankommen. Schon am Flughafen begrüßen sie riesige Plakate: "Willkommen zur Internationalen Türkischolympiade". Unzählige Busse und Privatwagen warten auf die Delegationen, die aus allen Ecken der Welt angereist sind. Türkische Kopftuchträgerinnen mischen sich unter Afrikanerinnen mit Rastalocken. Mexikaner tragen Riesensombreros, schmale Thaimädchen goldene Kronen. Eine bunt gewandete Truppe aus Südafrika geht an einem Bildschirm vorbei und kreischt auf: Gerade sieht sie ihre Ankunft auf dem Flughafen im Fernsehen.