Sie zeigen einen internationalen Musikantenstadl. Jugendliche Russen tanzen Kasatschok, aus den USA gibt es Cowboysongs. Anatolische Liebeslieder, vorgetragen von jungen Afrikanerinnen, kommen am besten an. Der Moderator, ein bekanntes Gesicht aus dem Fernsehen, beschwört mit pathetischer Stimme "Völkerverständigung", "Dialog" und "Frieden zwischen den Menschen", eine der Hauptbotschaften Fethullah Gülens.

Dessen Name jedoch taucht bei der Türkischolympiade – wie auch in den Schulen der Bewegung – an keiner Stelle auf, geschweige denn seine Schriften oder gar sein Bild: das lächelnde Großvatergesicht mit dem Schnauzbart. Nur einmal sendet Ankaras Bürgermeister dem "verehrten Lehrer" wie beiläufig einen Gruß in die USA. Die Menschen danken es ihm mit frenetischem Beifall.

"Gülen inspiriert uns, viele von uns sind sehr gläubig. Aber mit Religion hat die Türkischolympiade nichts zu tun", versichert Taner Ünal von "Academy". Der Verein koordiniert die Bildungsaktivitäten der Bewegung in Deutschland. Von Frankfurt aus gibt er Organisationshilfe bei der Gründung neuer Schulen, vermittelt Lehrer, erstellt Unterrichtsmaterial. Zugleich organisiert Academy den Wettbewerb in Deutschland – wozu es sich wiederum auf Mitarbeiter aus den anderen Einrichtungen der Bewegung verlassen kann. Auf Freiwillige wie Ufuk Karakoz zum Beispiel. Der Zwanzigjährige ist ein schmaler, gut frisierter junger Mann mit fast altmodisch korrekten Manieren und einem Flaum auf der Oberlippe. Sieht man ihn neben Nico, könnte man ihn fast für einen Klassenkameraden halten. Dabei war er für ein halbes Jahr sein Türkischlehrer. Einmal die Woche, am Ende öfter, bereiteten die beiden Nicos Auftritte vor. Von Religion sei kein einziges Mal die Rede gewesen, sagen beide.

Ufuk war ein guter Lehrer, der viel lobte und auch dann nicht die Geduld verlor, wenn Nico nach 90 Minuten von den fremden Versen der Kopf schwirrte. Meist trafen sich die zwei im Optimum, einem Nachhilfezentrum in Gießen. Hier machen Schüler – die meisten stammen aus Migrantenfamilien – Hausaufgaben und bereiten sich auf Klausuren vor. Rund 140 solcher Einrichtungen zählt die Bewegung in Deutschland. Auch Ufuk hat in einem solchen Verein in Berlin Förderstunden in Mathe und Deutsch bekommen. Ohne sie hätte er sein Abitur wohl nicht bestanden. Nun studiert er auf Lehramt und gibt seine Erfahrungen bei Optimum weiter: als Nachhilfekraft und Jugendbetreuer. Mit seiner Gruppe geht er Fußball spielen oder ins Museum. Auch Abdu ist dabei, Nicos Freund aus der Schule.

In Deutschland hat man den Wettbewerb vor drei Jahren umbenannt. Türkischolympiade hörte sich zu nationalistisch an. Es klang nach Abschottung. Nun heißt es Deutsch-türkische Kulturolympiade. Bei der Abschlussveranstaltung in der Porsche-Arena in Stuttgart moderierte man erstmals zweisprachig. Und neben dem Türkischwettbewerb gab es nun auch einen Deutschwettbewerb.

In Stuttgart trat Guten Abend, gut’ Nacht gegen Heidi an, gesungen von Schülern aus Migrantenfamilien. Jugendliche trugen die Mephisto-Szene aus Goethes Faust vor. Und Mütter mit Kopftuch schwenkten die deutsche Fahne. Die anwesende einheimische Politprominenz zeigte sich beeindruckt von solch beflissener politischer Korrekt-heit. SPD-Landeschef Nils Schmid fand lobende Worte auf Tür- kisch. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) sprach von einem "wunderbaren Beispiel der Integration".

Die Organisatoren vernahmen es mit Wohlgefallen. Anders als die meisten islamischen Gruppierungen, die dem deutschen Staat misstrauisch gegenüberstehen, sucht die Bewegung bewusst seine Nähe. Und nichts freut die Gülen-Anhänger mehr, als alles richtig zu machen. Sie agieren äußerst anpassungsfähig, sind lernbegierig und von fast preußischer Zuverlässigkeit und Disziplin. Wie in der Türkei stammen viele deutsche "Fethullahçis" aus einfachen Familien. Mit Bildungseifer und Pflichtbewusstsein haben sie sich hochgearbeitet. Statt über Diskriminierung zu klagen, fragen sie eher, was sie besser machen können. Gäbe es einen Wettbewerb "Deutschland sucht den Mustermuslim" – der Sieger wäre ein Gülen-Anhänger.