San Francisco, Antioquia

Restrepo weiß, dass sie in San Francisco bereits auf ihn warten, die alten Frauen in ihren Bauernkleidern, krummbeinige Männer, deren Gesichter so zerfurcht sind wie die Äcker, von denen sie vertrieben wurden. Er weiß, dass sie ihm wieder zu nah kommen und einige nach seiner Rede weinen werden, warum sollte es in diesem kolumbianischen Dorf anders sein?

Restrepo sitzt auf der Rückbank seines Dienstwagens und schiebt diese Gedanken weg. Er schließt die Augen, und dann tickt sein Kopf im Rhythmus der Schlaglöcher gegen das Panzerglas der Scheibe, Restrepo döst. Vorn im Konvoi rollen Pick-ups mit Soldaten auf der Ladefläche. Die Straße windet sich durch endlos grüne Hügel, durch die verschlungenen Wälder Antioquias, die so undurchsichtig und noch immer so gefährlich sind wie dieser Bürgerkrieg, dem Restrepo gerade eine neue Wendung gibt.

Es ist ein Tag im Juni, zehn Monate ist es her, dass Juan Manuel Santos, Kolumbiens Präsident , Restrepo darum bat, das Amt des Landwirtschaftsministers zu übernehmen. Santos wollte, dass sein alter Freund das wichtigste Projekt seiner Regierung stemmt. Juan Camilo Restrepo soll den Menschen dabei helfen, dass sie wieder auf ihre Felder zurückkehren können.

Nur im Sudan leben mehr Bürgerkriegsflüchtlinge als in Kolumbien . Die Behörden in Bogotá rechnen mit vier Millionen Menschen, die in den Kriegswirren der vergangenen Jahre und Jahrzehnte enteignet und von ihrem Land vertrieben worden sind, Bauern, die irgendwo am Rand der Städte strandeten. Einige Flüchtlingsorganisationen vermuten, dass es sogar sechs Millionen sind. Restrepo soll die Rückgabe von zwei Millionen Hektar Land an diese Leute organisieren. Es ist ein Umsiedlungsprojekt, das weltweit ohne Beispiel ist.

Restrepo war mal Botschafter in Frankreich, er war Notenbanker und Finanzminister. Jetzt kommt er sich vor wie Fitzcarraldo, der ein Opernhaus im Dschungel bauen wollte. Sein Projekt ist leicht zu sabotieren. Und es gibt viele, die etwas dagegen haben.

Seit September ist Restrepo unterwegs. Jede Woche steht er irgendwo in der Provinz auf einer Bühne, um Landtitel zu überreichen. Es sind Pilotprojekte, Fälle, die sich einfach lösen ließen, Pflichttermine, zu denen er auch seine Stellvertreter schicken könnte, aber Restrepo will, dass die Leute sehen, dass es die Regierung ernst meint mit ihrem Versprechen.

Sie wollen diesen Krieg endgültig beenden.

Niemand weiß noch genau, wann dieser blutige Albtraum begann. Irgendwann Mitte der sechziger Jahre ist es gewesen. Niemand in Kolumbien hat gezählt, wie viele Menschen starben, ob es eine Million waren oder zwei. Nur eines ist gewiss: Es ging in diesem Krieg immer um Land.

Nirgendwo anders auf der Welt konzentrieren sich so große Flächen in so wenigen Händen. Über Generationen hatten die Familien der Großgrundbesitzer Land geraubt; ihre Latifundien dehnten sich ins Unermessliche, als sich vor 50 Jahren die Guerillas gründeten, Gruppen wie die Farc oder die ELN, Bauern und Marxisten, die dafür kämpften, die ungerechte Verteilung des Besitzes zu ändern, erst politisch, später dann mit Waffen. Um sich zu wehren, stellten die Großgrundbesitzer Privatarmeen auf, die ihre Felder schützen sollten, paramilitärische Milizen, die selbst raubten, sich bereicherten, die mithalfen, dass sich die Dinge verselbstständigten.

Irgendwann ging es in diesem Krieg nicht mehr um Anbauflächen für Bananen oder Kaffee. Man brauchte Land, um Koka anzubauen, um Kokainrouten zu kontrollieren, um diesen Krieg zu finanzieren, und wer dabei im Weg stand, wurde umgebracht, enteignet, fortgejagt.

Was Restrepo plant, ist eine Art Operation am offenen Herzen. Der Bürgerkrieg in Kolumbien ist ja nicht vorbei. Noch immer flüchten jedes Jahr rund 200.000 Menschen, die auf ihren Äckern plötzlich zwischen die Frontlinien geraten, Leute, die bislang keine Lobby hatten, denen das Geld für einen Anwalt fehlt. Innerhalb von ein paar Monaten hat Restrepo ein Gesetz verfasst, das all dies nun ändern soll. »Ley de Victimas« heißt es, Opfergesetz, es ist der Rahmen für Restrepos große Rückgabeaktion.

Als es im Juni feierlich verabschiedet wurde, hatte man Stuhlreihen aufgebaut vor dem Präsidentenpalast im Zentrum Bogotás. Ban Ki Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen war gekommen, um der Zeremonie beizuwohnen. Restrepo blickte ernst, als ihm die Menge applaudierte. Er setzte seine Unterschrift unter das Gesetz, dann nahm er Platz und hörte, wie sein Präsident erklärte, dass dieser Tag nicht nur für Kolumbien historisch sei. Die ganze Welt, erklärte Santos, werde Zeuge, »wie unser Land beginnt, seine moralische Schuld zu tilgen«. Viel zu lange hätten die Opfer darauf warten müssen. »Vamos!«, rief er, »lasst uns die Gewalt besiegen.«