In den vergangenen Wochen hatte die Zahl der Interviews die Viertausendermarke in seinem Leben überschritten. Erst jetzt, einen Tag vor seinem Sechzigsten, kommt er wieder zu sich, zu seiner Musik. Wolfgang Rihm setzt sich ins leere Parkett des Theaters Karlsruhe , ins Halbdunkel, klappt die Partitur auf. »Wollen Sie mitlesen?« Die Badische Staatskapelle probt sein jüngstes Stück für eine der 177 Aufführungen, die seine Werke in diesem Jahr erleben, auf Festivals , in Opernhäusern von London bis Lissabon , von Basel bis Berlin , von Paris bis Wien und eben hier, in seiner Heimatstadt, wo der Komponist eine derartig öffentliche Figur geworden ist, dass ihm schon Mitbürger auf den Anrufbeantworter sprechen, er soll doch mal Stuttgart 21 stoppen. Als würde ein Wort von ihm genügen.

Dass er dem Zuspruch »als Einzelmensch kaum noch gewachsen« ist, will etwas heißen bei einem, der von Anfang an über sein Komponieren und über Musik und Kultur und Kulturpolitik so lustvoll und wortstark und ausgiebig sich geäußert hat wie kein anderer Kollege. Wer Sätze sagt wie »Verzweiflung ist etwas Großes« und »Nur Scheiße darf noch teuer sein«, dem traut man zu, die Wirkung auszuhalten, die seine mittlerweile 344 (gedruckten) Werke auf ein weltweites Publikum ausüben. Dabei wird leicht übersehen, dass die Kraft, Unbefangenheit, Emotionalität dieser Musik sich geschützter Intimität verdankt, geschrieben »in klösterlicher Abgeschiedenheit«, wie er nicht ohne Ironie sagt. Immerhin ist dieses Kloster eine Wohnung an der meistbefahrenen Straße von Karlsruhe.

Intim beginnt, was der Brite Justin Brown mit der Staatskapelle probt. Zwei zerbrechliche, tastende Linien der Geigen und Bratschen, ein bisschen wie später Schostakowitsch, führen hinein in einen Fluss, der längst fließt, der auch schon floss, ehe Rihm für diese Arbeit hineinstieg. Vers une symphonie fleuve heißt das Projekt, mit dem er vor fünfzehn Jahren begann, angeregt durch den Schriftsteller Hubert Fichte , der einen roman fleuve plante. Schon früher Komponiertes wird »aufgegriffen, in andere Zusammenhänge gestellt, anders weitergeführt, überzeichnet, unterfüttert«. In der Partitur sind gedruckte neben handschriftliche Noten kopiert, hier ist was durchgestrichen, da was ergänzt. Wenn Rihm daran erinnert, dass auch Bachs h-Moll-Messe aus Früherem zusammengefügt wurde, sagt er das nicht zum Vergleich und zur Verteidigung.

Er ist einfach zu Hause in aller Musik und sieht sich selbst in ihrem Fließen. Bald nimmt der Strom seiner jüngsten Fleuve -Version an Breite zu und an Wucht. Neue Zuflüsse treiben die Musik. Zwanzig Holzbläser, sechzehn Blechbläser, vier Schlagzeuger, großer Streicherapparat – selbst wenn alle zugleich im Einsatz sind, fühlt man sich nicht zugedröhnt, eher umgeben davon, durch Dschungel und Feuer taumelnd. Einmal lösen sich zwei Trompeten so insistent an- und abschwellend auf hohem A ab, dass ein Plateau entsteht und zugleich die Klarheit eines umfassenden Gedankens. Später stürzt sich das Orchester in einen Choral, ein von Rissen durchzogenes, überwuchertes, schräg versacktes und doch gleißendes Monument von Choral, und Rihm blättert, Anmerkungen schreibend, die Seiten um, als würden sie immer schwerer.

»Mein ganzes Leben drin, auch der ganze Katholizismus«, sagt er später, aber autobiografisch muss und soll man das nicht hören. Es genügt, dass er die Herkunft so vieler Partikel kennt, die hier mitgerissen werden und sich aus biografischen Eckdaten sowieso nicht ableiten lassen. 1952 in Karlsruhe geboren, 1972 in Karlsruhe Abitur (zwei Mal sitzengeblieben, sehr schlecht in Mathe), Staatsexamen in Komposition in Karlsruhe, seit 1985 Professor für Komposition, natürlich ebenfalls in Karlsruhe. Hier hat schon der Achtjährige erste Stückchen notiert, der Achtzehnjährige ein Streichquartett komponiert, das noch heute als schwereloses Wunderwerk leuchtet, hier hat sich Rihm »als Komponist vorgefunden«, er musste nicht sonst wo nach sich suchen.

Immerhin, er nahm auch Unterricht bei Stockhausen in Köln und bei Klaus Huber in Freiburg, starken Persönlichkeiten, an denen er wuchs. Dabei verband sich Gewissheit mit Widerständigkeit. Nach einer Donaueschinger Uraufführung las der 24-Jährige in der ZEIT , er habe ein »Fäkalienstück« abgeliefert, man brauche einen Schnaps danach. Das hätte andere vernichtet, »ich konnte dem nur noch immer mehr entgegensetzen«, sagt er und blitzt so kämpferisch heiter, dass da jäh ein Junge sitzt, der es den anderen zeigen wird. Abends dann, im Lieblingslokal, genießt er wie ein Barockfürst. Und auf einmal steht am Tisch ein Alter mit Rauschebart, der Kleintheatergründer, für den Gymnasiast Rihm einst die Posse Das Ei des Doktor Mefausto dichtete, und sagt munter »Du« und »Herr Professor«. Eine Gestalt aus frühen Tagen, wie von Fellini gesandt.

Karlsruhe als geistige Lebensform heißt, dass man es nicht hinter sich lassen muss. Auf dem radialen Grundriss der Stadt weisen die Straßen in alle Richtungen, »unfähig der Renitenz gegen das sich verjüngende Leben«, wie Thomas Mann sagen würde. Manchmal allerdings ging es Wolfgang Rihm mit der freien Entfaltung schier zu gut. Dem Dreißigjährigen sagte nach den Klangorgien der Oper Tutuguri der gestrenge Luigi Nono : »Wolfgang, du brauchst eine Krise.« Worauf eine Zeit der Reduktion folgte, der Chiffren und Setzungen, die wiederum den Wunsch »nach Fluss, Fließen, Strom, Strömung« wach werden ließ. Und als Rihm den »Nobelpreis der Musik« erhalten hatte, mit 51 Jahren der bis dahin jüngste Komponist, dem die Ernst von Siemens Musikstiftung ihre höchste Auszeichnung verlieh, schien er sich ein wenig zurückzulehnen.

Rappelvolles Theater am Geburtstag

Manche Orchesterwerke aus der Zeit haben etwas Moderates, Vorhersehbares, Kulinarisches, was freilich keine Sünden sind oder als solche sogar köstlich sein könnten. Doch stagnierte da, was sich nun wieder bewegt. Rihms Genie erweist sich nicht nur in der Erneuerungskraft, die seine jüngste Fleuve-Version so mitreißend macht, sondern auch darin, dass er im selben Zeitraum ein völlig anderes Werk komponiert hat, nicht entgrenzt und exzessiv, sondern sehr kontrolliert, transparent, bescheiden fast gegenüber den Worten, denen es folgt. Samothrake heißt das dichterische Fragment des Malers Max Beckmann . Rihm hat es für die Sopranistin Anna Prohaska und das Gewandhausorchester Leipzig komponiert, es wurde ebenfalls in der vergangenen Woche uraufgeführt.

»Zerbrochen ist vieles, was einst ganz und notwendig erschien.« Die Worte des Emigranten Beckmann hat Rihm nicht weiter fragmentiert. Die Spannung der Brüche ist überführt in die ausgreifenden Linien der wunderbaren Sopranistin – bis hoch zum dreigestrichenen E –, die sich vor pulsierenden Tableaus bewegen und immer wieder mit ihnen verschmelzen. Die Geigen spinnen die »Seele« noch weiter über den gesungenen Ton hinaus. Sehr genau, sehr gediegen wird in Leipzig dieses Samothrake unter der Leitung von Ulf Schirmer gespielt. Wenn dem »Geäder des Selbst« eine von Pauken und Trompeten angetriebene Eruption folgt, ist das nur scheinbar plakativ. Die Wucht hat Kontur, die Wut hat Bewusstsein wie auf einem Bild von Beckmann. Und die Bewegung in dieser Musik ist eine, in der nach und nach ein Ganzes zum Vorschein kommt.

Selbst Rihms Liebe zu Beckmann hat übrigens ihre Wurzeln in Karlsruhe, wo schon der Elfjährige beeindruckt von einer Porträtausstellung im Kunstverein war. Und wer ahnt, woher all die romantischen Gesten im Cellokonzert von 2006 kommen, das an Rihms Geburtstag im rappelvollen Karlsruher Theater von Tanja Tetzlaff bis zum Zerreißen furios gespielt wird? Nicht zuletzt aus der Plattensammlung eines lokalen Audiomanen, bei dem der Schulknabe Rihm und sein Freund, ein Cellist, samstags bis nachts um vier Musik hören durften. »Einer hat aufgelegt, der andere musste raten, was es ist. Mit der Zeit entsteht ein wahnsinniges Stilgefühl. Wir haben alle großen Cellisten unterscheiden können. Mit den Schlachtrössern. Dvořák, Tschaikowsky, was anderes gab’s ja nicht.«

Im Konzert in einem Satz glühen die verbrauchten Vokabeln jenes Repertoires noch einmal auf, überhitzt, sie gewinnen neue Wahrheit in diesem sozusagen allerletzten Cellokonzert der Romantik. Unter dem geballten Zuneigungsdruck der versammelten Karlsruher klingt erstaunlicherweise auch Vers une symphonie fleuve VI in der Uraufführung romantischer, rihmantischer als in der Probe, stringent und sehnsüchtig in einem. Da wird gleichsam der Komponist in die 350-jährige Geschichte der höchst lebendigen Badischen Staatskapelle integriert. Auch das Ende, eigentlich melancholisch, hat sich gewandelt. Rund um eines der schönsten Bratschensoli der neueren Literatur fügen sich Linien wie zu archaisch feinen Rätselzeichen. Denen werden noch viele nachgehen.