Wer seinem Fressfeind physisch unterlegen ist, hat mehrere Strategien zur Auswahl, um das eigene Leben zu verlängern. Mithilfe der Mimese macht sich ein Wesen so unsichtbar wie möglich. Die Lebenden Steine etwa sind wahre Meister darin, sich optisch dem Erdboden anzupassen. Stabschrecken oder Schmetterlinge wie der Birken-Gabelschwanz wiederum sehen aus wie die Pflanze, auf der sie ruhen.

Die zweite Möglichkeit ist Mimikry . Eine Art imitiert eine andere in Aussehen und Verhalten, um im Windschatten von deren Gefährlichkeit oder Ungenießbarkeit die eigene Überlebenschance zu erhöhen. Hierzulande sind vor allem die Schwebefliegen für diese Form der Tarnung bekannt. Weltweit gibt es von ihnen 5.600 Arten, jede vierte davon macht auf Wespe oder Honigbiene. So verhindern die Fliegen, von Vögeln verzehrt zu werden, die es auf sie abgesehen haben – und denen die wehrhaften Wespen und Bienen nicht schmecken. Das Prinzip von Mimikry hat bereits vor 150 Jahren der englische Naturforscher Henry Walter Bates entdeckt. Charles Darwin lobte die Arbeit seines Zeitgenossen als "eine der bemerkenswertesten und bewundernswertesten, die ich je gelesen habe".

Eine Frage allerdings treibt die Biologen bis heute um: Warum kopieren die Tiere ihre Vorbilder oft nur ungenau? Die Kanadier Thomas Sherratt und Heather Penney von der Carleton-Universität in Ottawa haben nun mehrere Dutzend Schwebefliegenarten unter die Lupe genommen, um die Hypothesen zu prüfen, die Kollegen in den vergangenen Jahrzehnten ins Feld geführt haben (Nature, Bd. 483, S. 461) .

Manche Forscher hielten die vermeintliche Fehlerquote beim Imitieren nur für eine Interpretation der beobachtenden Wissenschaftler. Andere Evolutionsbiologen stellten die Hansdampf-in-allen-Gassen-Theorie auf, nach der eine Schwebefliege Vorteile daraus ziehe, wenn sie nicht eine ungenießbare Art exakt imitiere, sondern mehrere Arten ungefähr. Einige Wissenschaftler wiederum schlussfolgerten, dass das ungenaue Kopieren dem Jäger eine Wespen- und Bienenvielfalt vermittle und ihn so verunsichere. Die Folge davon: Vögel schreckten auch vor dem Genuss weiterer ungenauer Kopien in der Schwebefliegen-Verwandtschaft zurück, wodurch die ganze Sippe umfassenden Schutz genießt.

All diese Hypothesen konnten Sherratt und Penney mittels statistischer und genetischer Analysen ausschließen. Stattdessen wiesen sie nach, dass die Annäherung an das Vorbild nur so weit geschieht, wie es für das Individuum notwendig ist. Das heißt: Je größer ein Fliegenexemplar ist, desto attraktiver ist es als Beute. Umso mehr sollte es die Annäherung an sein gefährliches Vorbild perfektionieren. Tatsächlich ähneln fette Fliegen Wespen und Bienen stärker als ihre dürren Artgenossinnen.

Der US-Biologe David Pfennig dreht in einem ergänzenden Artikel die Perspektive um. Für fette Beute, schreibt er, sei ein Vogel eher bereit, Risiken einzugehen – auch auf die Gefahr hin, nach einer echten Wespe zu schnappen. Damit erhöhe er den Anpassungsdruck auf die großen Fliegen. Die Winzlinge dagegen könnten es bei einer dezenten Annäherung bewenden lassen – und sich den Aufwand sparen, der nötig wäre, um perfekt zu sein.