Es gibt zwei Wege, die eine Gesellschaft in den sittlichen Verfall führen können: zu wenig Moral – und zu viel.

Deutschland leidet heute eindeutig am zweiten Fall. So voll ist der öffentliche Raum mittlerweile mit Moral, dass einem davon schlecht werden könnte. Jüngstes Beispiel dafür ist die Aufregung um den amtierenden Umweltminister und führenden Wahlkämpfer der CDU in Nordrhein-Westfalen , Norbert Röttgen . Dass sich dessen politische Gegner und Parteifreunde über seine Weigerung ereifern, als Oppositionsführer nach Düsseldorf zu gehen , ist moralisch unerheblich. Schließlich haben sie alle klare Interessen, etwa an seinem Weggang oder seiner Niederlage. Ihre gezielt gestreute Aufregung darf also gewissermaßen als rechtschaffene Heuchelei verstanden werden.

Leider aber empören sich im Radio, im Fernsehen und im Internet ganz normale Bürger über den miesen Machtpolitiker Röttgen , der im Falle einer Wahlniederlage sein Bundesland verraten und in Berlin bleiben wolle. Demnächst werden sie ihm wahrscheinlich als Zeichen tiefster Verachtung ihre Schuhe vor die Nase halten, wie sie es schon beim Ex-Bundespräsidenten Wulff taten.

Einmal abgesehen davon, dass Röttgen im Falle eines anderen Entschlusses vom selben Moralmob als Verräter an der von ihm zu verantwortenden, noch in den Anfängen steckenden Energiewende bezeichnet würde – etwas anderes ist entscheidend: Hier wird ein Casus moralisiert, der gar keinen Anwendungsfall von Moral darstellt. Norbert Röttgen betrügt niemanden, weil er ja niemandem etwas Falsches verspricht. Er verrät auch NRW nicht, wenn er sich weigert, etwas zu tun, was er nicht so gut kann, wie Bundesminister zu sein, nämlich Oppositionsführer im Landtag.

Und wollen diese moralisch aufgeregten Teile der Bevölkerung wirklich verlangen, dass einer aus der sehr kleinen Riege kanzlerfähiger Talente als machtloser Oppositionspolitiker im Landtag versauert ? Wer so vehement auf das Gemeinwohl pocht, sollte im Kopf behalten, dass der Abstieg zur Landespolitik selten den Wiederaufstieg in die Bundespolitik befördert – selbst dann nicht, wenn man in einem Land regiert.

Eine Spitzenkandidatur stellt kein Bekenntnis dar, kein bedingungsloses Treuegelübde, sie ist schlicht Politik. Es ist noch nicht einmal 14 Jahre her, da ließ sich Gerhard Schröder mit der klaren Absicht zum Ministerpräsidenten von Niedersachsen wählen, diesen Sieg wenige Monate später zu einer Kanzlerkandidatur im Bund zu nutzen. Er wurde gewählt, um zu gehen, nicht um zu bleiben.

Solches Machtkalkül wurde zu jener Zeit noch nicht verachtet, sondern bewundert (was wiederum auch zu viel gewesen sein mag). Heute scheint der Satz, es gehe einem Politiker um die Macht, schon als moralisches Verdikt auszureichen. Das ist etwa so, als wollte man einem Bäcker vorwerfen, dass er Brötchen backt, oder einem Unternehmer, dass er Geld verdienen will.