Harald Noeske wohnt in einer Villa an Dresdens Großem Garten. Seine Frau betreibt daheim eine Galerie. Kunst ist sogar der Tisch, an dem das Gespräch stattfindet – er ist aus recycelten Ketchup-Flaschen gepresst. Dahinter lehnt ein gerahmtes Poster: "Konturen eines Amtsarsches", ein Werk des sozialdemokratischen Karikaturisten Klaus Staeck . Humor hat Noeske. Und ein feines Gespür

DIE ZEIT: Herr Noeske, haben Sie mit der Dresdner Staatskanzlei noch eine Rechnung offen?

Harald Noeske: Ganz bestimmt nicht! Ich habe fast ein Jahrzehnt lang dort gearbeitet, und es würde mir sehr leid tun, wenn dieser Eindruck beim Lesen meines Buches entstünde. Eine offene Rechnung? So etwas hat mich nicht angetrieben. Ich bin im Jahr 2000 in die Staatskanzlei gekommen, als Referatsleiter für Bildung, Kultur, Wissenschaft – alles Schöne, was es in Sachsen gibt.

ZEIT: Bis Ende 2010 waren Sie dort.

Noeske: Mit 66 – gut ein Jahr über dem Soll – bin ich voller Eintracht aus der Staatskanzlei geschieden. Als es noch keinen Nachfolger gab, habe ich einige Monate drangehängt. Stanislaw Tillich hat mich sogar gefragt, ob ich ihm auch weiter beratend zur Verfügung stehen könnte.

ZEIT: Sie wurden gleich nach der Wiedervereinigung Beamter in Sachsen . Wie kam das?

Noeske: Geholt hat mich der erste Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer ( CDU ). Ich arbeitete im Stuttgarter Wissenschaftsministerium, war mir aber sicher: Die Zukunft liegt im Osten! Hier konnte man was bewegen. In Baden-Württemberg wurden die Dorfkerne bereits zum dritten Mal neu gepflastert, da war einfach nicht mehr viel los.

ZEIT:Thomas de Maizière...

Noeske: ...hat mich aus dem Ministerium in die Staatskanzlei gebracht, wo ich geblieben bin. Und nach ihm kam eine bunte Reihe von blassen Figuren.

ZEIT: Nun haben Sie in einer selten gründlichen Arbeit analysiert, wie Sachsen unter den Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf , Georg Milbradt und Stanislaw Tillich (alle CDU ) regiert worden ist. Nach dem Lesen Ihres Insiderberichtes meint man: Die Regierung ist in eine Art Dornröschenschlaf gefallen. Und sie schläft von Jahr zu Jahr fester.

Noeske: Ich würde mir in der Politik jedenfalls mehr Leben wünschen.

ZEIT: Sie konstatieren Blutleere.

Noeske: Substanzlosigkeit und Blutleere, das ist meine Diagnose, ja.

ZEIT: Im Buch nennen Sie die Staatskanzlei ein "Organisationsbüro für die nächste Woche". Das heißt, es gibt keine Programmatik, keine Visionen?

Noeske: Das ist das Defizit, das ich beklage. Ich sehe einen Teil der Ursachen in der mangelnden Professionalität, mit der Politik und Verwaltung geführt werden. 

ZEIT: Erwarten Sie Ärger mit Exkollegen, weil es ein ungeschriebenes Gesetz gibt: Über das Innenleben der Regierung spricht man nicht?

Noeske: Das glaube ich nicht. Die einen werden sich spitzbübisch freuen, dass jemand mögliche Missstände benennt. Die anderen sind klug genug, um sich kritisch damit auseinanderzusetzen, wie ich das tue. Das hoffe ich zumindest.